Ende des vergangenen Jahrhunderts werdefreudig sich geregt hatte auf dem Gebiete der Erziehung, was auch nach Jul. Heckers Vorgang dort schon zu dauernden Ein- richtungen geführt hatte, war— so zeigte sich jetazt— doch auch in Kurhessen nicht unbeachtet geblieben, wenn auch die Regierung noch seine Bedeutung nicht würdigte. Der Zähigkeit, mit welcher der Gedanke in Eschwege verfolgt wurde, ver- mochte aber die Regierung nicht zu widerstehen: an Stelle des geplanten Progym- nasiums trat»eine mit einem Progymnasium verbundene Realschule«, und damit war auch in Kurhessen— wenn man von der Stadt Hanau absieht, deren Realschule eine französiche Gründung war,— einer neuen Zeit auf dem Gebiete der Erziehung ein folgenreiches Zugeständnis gemacht.
Die neue Schpfung sollte aber bald noch eine ganz eigenartige Bedeutung ge- winnen. Obgleich der Realschulgedanke nicht mehr für einen ganz neuen gelten konnte, obgleich er sogar in Preussen schon 1832 durch eine besondere Instruktion eine vor- läufige Formulierung gefunden hatte, so war man doch noch weit entfernt, eine irgendwie allgemein anerkannte Vorstellung von der Bedeutung der Realschule ge- wonnen zu haben: ja ziemlich allgemein dachte man sich darunter wohl eine Anstalt, in welcher môõglichst schnell eine möglichst grosse Menge von Kenntnissen und Fertig- keiten fürs praktische Leben mitgeteilt werden sollte, also eine Art niedérer Gewerbe- schule, ja in Kurhessen ist man über diese Auffassung wie es scheint nie ganz hinausgekommen, wurde doch noch in den soer Jahren ausdrücklich von der Behörde ver- langt, dass der Unterricht in den Realchulen sich streng auf praktischem Boden be- wegen und nie in eine Richtung geraten solle, welche einer sogenannten allgemeinen Bildung entgegenführe. In Eschwege gab die Verbindung der Realschule mit dem Progymnasium auch der ersteren eine andre Entwicklung, wodurch sie sich früher als anderswo über diese niedre Zielbestimmung erhob. Da der Unterricht, wenigstens in den beiden untern Klassen, für beide Anstalten gemeinsam sein sollte, so erhielten auch die Realschüler geradeso wie die Progymnasiasten die Grundlagen einer allge- meinén Bildung, wodurch denn die Eschweger Realschule von vornherein einen höheren Flug nahm als die etwa gleichzeitig in den Provinzialhauptstädten eingerichteten Realschulen. Die Richtigkeit dieser tieferen Begründung des ganzen Unterrichts erkannte man hier ganz besonders an den üblen Folgen, welche die Aufhebung des Lateinzwanges im Jahre 1842 hatte: der ganze geistige Standpunkt der Realschüler ging— nach dem übereinstimmenden Zeugnisse der Lehrer, und namentlich der Realienlehrer, und des Schulvorstandes— so rapide zurück, dass sie nicht einmal in den Realien mit den Progymnasiasten mehr gleichen Schritt halten konnten und zu Gewerbeschülern niedrigster Ordnung degradiert erschienen, was die Eltern mehr und mehr veranlasste, sich von der Realschule ab- und dem Progymnasium zuzuwenden, und um ein kleines die Umbildung der Anstalt zu einem reinen Progymnasium, also das Aufhören der Realschule herbeigeführt hätte. Diese Erfahrung lehrte deutlich genug erkennen, dass auch für die praktischen Bildungsziele der Realschule es unerlässlich sei, zu- nächst das geistige Vermögen zur Entwicklung zu bringen, wie das nur der Sprach- unterricht vermag. Und wenn man nun auch nicht wieder auf das Lateinische zurück-


