Aufsatz 
Ueber Schiller's "Wallenstein" / Friedrich Schindhelm
Entstehung
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Schickſal, daß es ihm den Sohn verweigert, weil er den königlichen Schmuck um ihre ſchöne Stirn flechten wird. Sie iſt ihm alſo ein Objekt, mit dem man glücklich ſpekulirt; ein Kleinod, das, in einen ſchönen Rahmen gefaßt, um ſo ſchöner dem Auge des Beſchauers entgegentritt, und den beneiden läßt, der in ſeinem Beſitze iſt. Kein Wunder, daß ſich Thekla von dieſer Kälte abgeſtoßen fühlt, und einen Erſatz bei der Mutter und in der Liebe zu Max ſucht. Befremdet fragt die Gräfin, als das Mädchen Miene macht, ſeine eigenen Wege zu gehen:Wird ſich die Stimme Deines Widerſpruchs, die zitternde, in ſeine(des Vaters) Nähe wagen? Vergehen wirſt Du vor ihm, wie das zarte Blatt der Blume vor dem Feuerblick der Sonne!

So bieten uns alſo auch die Charaktereigenſchaften, die er als Gatte, als Vater, als Freund entwickelt, des Abſtoßenden bei weitem mehr als des Anziehenden, und ſo beantwortet ſich von ſelbſt die Frage, welchen Eindruck dieſer Wallenſtein auf uns mache, der uns vor ſeinem Auftreten als der allgewaltige geſchildert wird, im Drama aber nie zum Handeln kommt, der ohne Liebe und Freundſchaft ſich nur durch den Egoismus in ſeinem Denken und Reden beſtimmen läßt. Wir ſind vollſtändig an ihm irre geworden, da wir durch den Dichter ſelbſt mit den kühnſten Erwartungen von der Energie dieſes Mannes erfüllt waren und ſehen mußten, wie er der von ihm übernommenen Aufgabe durchaus nicht gewachſen war, nicht etwa, weil neue ungeahnte Hinderniſſe ſich ihm in den Weg ſtellten, ſondern weil er in dem entſcheidenden Mo⸗ mente zu viel mit ſeinem Verſtande rechnete und unſchlüſſig wurde, als ihm Niemand das zu⸗ treffende Facit ſeines Rechenexempels Schwarz auf Weiß zu zeigen vermochte. Wir fühlen uns durch jeden Mord erſchüttert, um ſo mehr durch den Mord Wallenſtein's, wir mögen nun an den denken, der, durch glühende Rache getrieben, die Todeswerkzeuge leitete, oder an ihn ſelbſt, der die Welt dereinſt mit dem Ruhm ſeines Namens erfüllt hatte und jetzt den Dolchen der Mörder erlag. Aber werden wir auf der andern Seite wieder erhoben, indem wir die tragiſche Schuld des Helden durch ſeinen Untergang geſühnt ſehen? Mit nichten. Wallenſtein's Schuld, die Schuld des Verſtandes, läßt uns kalt oder, was noch ſchlimmer iſt, läßt uns ihn verächtlich finden; während wir der Schuld der Leidenſchaft, ſelbſt bei Böſewichtern wie Richard III., mit dem geſpannteſten Intereſſe ſolgen.

Trotz dieſer Mängel des Haupthelden,*) den wir geradezu verunglückt nennen müſſen, machte das Stück bei ſeinem erſten Erſcheinen ungeheures Aufſehen.Bis dahin waren nämlich nur Kommerzienräthe, Pfarrer, Sekretäre, Fähnriche und als komiſche Geſtalt etwa ein Schul⸗ meiſter über die Bretter gegangen. Nun traten unter die blaſſen Tugendgeſpenſter des bürger⸗ lichen Rührdramas die kriegeriſchen Geſtalten des Wallenſtein. Der Deutſche vernahm wieder⸗ was ſeine herrliche Sprache vermöge, welchen mächtigen Klang, welche Geſinnungen, welche Geſtalten ein echter Dichter wieder heraufgerufen habe. Als ein Denkmal iſt dieſes tiefſinnige

*) Wir ſchweigen von den gegründeten Ausſtellungen, die man an den Frauengeſtalten der Herzogin und ihrer Tochter, an der Charakterzeichnung eines Max, eines Octavio, Buttler, Gordon gemacht hat, da wir es hier nur mit der Perſon Wallenſtein's ſelbſt zu thun haben.