Aufsatz 
Ueber Schiller's "Wallenstein" / Friedrich Schindhelm
Entstehung
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reiche Werk für alle Zeiten hingeſtellt, auf welches Deutſchland ſtolz ſein darf, und National⸗ gefühl, einheimiſche Geſinnung und großer Sinn ſtrahlt uns aus dieſem reinen Spiegel ent⸗ gegen, um zu wiſſen, was wir ſind, und was wir vermögen. So Tieck in ſeiner Beurtheilung unſeres Dramas. Stehen wir mit uns im Widerſpruch, wenn wir nach unſerem ausgeſprochenen Tadel uns in der Hauptſache dieſem Urtheile Tieck's anſchließen? Wir glauben nicht. Wir ſind der Meinung, daß wir uns von Herzen glückwünſchen können, ein ſolches Werk zu beſitzen. Das iſt das Eigenthümliche bei den Schiller'ſchen Dramen, daß ungeachtet der Ausſtellungen ſie heute noch ſo feſſeln, wie zur Zeit ihres Erſcheinens. Wie viele gegründete Bedenken hat man nicht gegen dieBraut von Meſſina, gegen dieJungfrau von Orleans, gegenWilhelm Tell erhoben! Und dennoch füllt ſich das Theater, ſo oft ein Schiller'ſches Stück zur Aufführung kommt. Der Dichter macht durch die ergreifenden Scenen, die den bühnengewandten Meiſter verrathen, durch die Größe der Geſinnung, durch die herrliche, mit den Sätzen der Weisheit reichlich durch⸗ zogene Sprache einen ſolch überwältigenden Eindruck, daß die von der dramatiſchen Kunſt ge⸗ rügten Mängel als unbedeutend erſcheinen gegenüber dem geiſtigen Genuß, der uns im reichſten Maße geboten wird. So ergeht es uns auch beiWallenſtein.

Wir wollten einen Beweis unſerer Verehrung des großen Dichters geben, indem wir die durch ihn nach Leſſing's Vorgang praktiſch eingeführten Anforderungen aufWallenſtein ſelbſt anwandten. Mit Unwillen kehren wir uns von denen ab, die gläubig oder urtheils⸗ los alles, was Göthe und Schiller geſprochen, in den Himmel erheben. Es iſt dies die Wuth des Autoritätsglaubens, die zunächſt allerdings auf religiöſem Gebiet die traurigſten Re⸗ ſultate, Inquiſition und den 30jährigen Krieg erzeugte, die aber auch auf geiſtigem Gebiete die offenbarſten Nachtheile mit ſich bringt. Die Verdienſte Luther's dürfen uns nicht abhalten, ſeine Schwächen offen mit Namen zu nennen, ſo wie uns die Pietät gegen unſere großen Dichter offenbare Verſtöße derſelben gegen die dramatiſchen Regeln nicht überſehen laſſen darf. Hüten wir uns nur, daß wir in dem Streben nach Grüddlichkeit einem verderblichen Nihilismus verfallen, und ſorgen wir dafür, in unſerer Jugend den Sinn für das Schöne und Gute, wie es ſo reichlich uns Schiller darbietet, zu pflegen, ſtatt durch kleinliche Nergeleien den köſtlichen Inhalt und die Pietät gegen einen großen Mann über Bord zu werfen.