Aufsatz 
Hundert Jahre Elisabethenschule. Hofmannsches Institut Darmstadt. 1832 - 1932 / Hrsg. v. d. Leitung der Elisabethenschule
Entstehung
Einzelbild herunterladen

die draußen heldenhaft für uns kämpften oder all die Schwachen, Armen, Mutloſen in der Heimat! Mit ganzer Seele ſtellte auch Fräulein Tube ſich und ihre Schule in den Dienſt dieſer Liebe! Ungezählte Feldpoſtpäckchen flogen hinaus aus jeder Klaſſe, mit warmen, ſelbſt geſtrickten Hüllen, mit rührenden Kinderbrieflein! Schon die Hände der Kleinſten verſuchten mitzuhelfen am Liebeswerk! Unvergeßlich ſchön waren unſere Kriegsweihnachten, mit den Weihnachtsfeiern und den alten, ſchönen Krippenſpielen, mit denen die Kinder auch den Verwundeten und Kranken ein wenig weihnachtliche Freude bringen durften.

Immer gab Fräulein Tube ihren Schülerinnen ein Beiſpiel in ihrer ſtarken, opferwilligen Liebe. Damit war für ſie aber nur ein Teil jener großen Aufgabe erfüllt, die in der erſchütternden Kriegszeit als doppelte Notwendigkeit erſchien: neben dem Intellekt auch den Charakter der Jugend zu bilden nach klaren und feſten Zielen! Mit dem tiefen Ernſt und der ganzen Kraft ihrer Perſönlichkeit widmete ſie ſich ihrer er zieheriſchen Tätigkeit. Unabläſſig mühte ſie ſich, in ihren Schülerinnen das Verantwortungs⸗ und Pflichtgefühl zu entwickeln und zu ſtärken und mahnte ſie durch Wort und Beiſpiel zur Einfachheit. Immerfort war ſie in ihrem ſtarken, deutſchen Empfinden darauf bedacht, in den heranwachſenden Mädchen das Gefühl für Würde und Stolz zu wecken, das von dem Weſen der echten deutſchen Frau untrennbar iſt. Über das Ziel der Mädchenerziehung ſagte ſie in einem VortragDer Krieg und die Frauen:Könnte doch den Mädchen der BegriffPflicht als heilige Uberzeugung in Herz gepflanzt werden! Wenn wir wirklich deutſchem Weſen zum Sieg verhelfen wollen, ſo iſt dies undenkbar ohne die deutſche Frau, die ſchlicht, treu und ſtark ihrer Pflicht lebt, ohne ſich an fremder Unſitte oder fremdem Prunk zu berauſchen.

Der Geiſt ihres geſamten pädagogiſchen Wirkens kann aber nicht beſſer gekennzeichnet werden, als durch jene Worte Rabindranath Tagores, mit denen ſie einſt einen Jahresbericht der Schule ſchloß:

Wo der Geiſt ohne Furcht iſt.....

Wo Erkenntnis frei iſt.....

Wo Worte aus Tiefen der Wahrheit kommen,

Wo unermüdet das Streben den Arm zur Vollkommen heit ausſtreckt,

Wo der klare Strom der Vernunft ſeinen Weg nicht verliert in dem trockenen Sand der Gewohnheit,

Wo der Geiſt, von Dir geleitet, zu immer ſich weiten dem Denken und Handeln geführt wird

Zu dieſem Himmel der Freiheit, laß, Vater, mein Land Du erwachen!

Ausklang.

Ich bete an die Macht der Liebe. Leiſe verklingt das Schluß⸗ lied der Andacht. Die Pfingſtferien beginnen, und fröhlich eilen die

57