Aufsatz 
Hundert Jahre Elisabethenschule. Hofmannsches Institut Darmstadt. 1832 - 1932 / Hrsg. v. d. Leitung der Elisabethenschule
Entstehung
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Das kleine Erlebnis fiel wohl ſchon in die Zeit, als Frl. v. Szeze panski unſre Weihnachten teilte.

Auf die Frage meiner Mutter, wie ſie Weihnachten verlebt, hatte ſie einmal geantwortet:Ich war ganz allein! Das war meiner lieben Mutter ein Signal, und Weihnachten bekam zu allem Heimlichen und Schönen eine ſeltſam erregende Beimiſchung für das Kinderherz: Sie, die gefürchtete, verehrte höchſte Inſtanz auf einmal ſo ganz menſchlich nahe gerückt am gemeinſamen Weihnachtsabend!

Schön und gut wurde es. Neben ihrem Teller lag eine große matt ſchimmernde Weintraube, die ſie ſich als einziges Geſchenk auf dringendes Fragen erbeten. In meinem ſtolzen Beſitz, von ihr ein Band neueſter Lyrik: Arno Holz, Dehmel, Bierbaum, Lilienkron Anregung aller Art und Richtung ging von ihr für mich aus.

Ein kleines, für ſie charakteriſtiſches Erlebnis möchte ich hier noch einſchalten. Wir laſen Hermann und Dorothea, und ich ſtockte recht töricht vor einer allzu natürlichen Wendung des Ausdrucks, da nahm ſie ruhig, ohne mich zu beſchämen, das Buch und las mit ſchlichtem, reinen Vortrag weiter: auch dies gehört zu den Dingen, die ich ihr nie ver geſſen habe. Ein anderes Mal konnte ſie auch recht ſpöttiſch werden. So bei der Beſprechung des Goethiſchen Mondliedes, als ſie auf ihre Frage nach dem in die letzte Strophe gelegten Sinn bei einer lieben, aber etwas phlegmatiſchen Schülerin auf unüberwindliches Schweigen ſtieß:Na, durch das Labyrinth Deiner Bruſt wird ja auch noch nicht viel gewandelt ſein! ſagte ſie achſelzuckend, während das Opfer be haglich und verſtändnislos(oder tat es nur ſo?) lächelte.

Schon jener Weintraubenwunſch an Weihnachten verriet uns die Roh köſtlerin, als gewiß noch wenige daran dachten. Gymnaſtik, Luftbäder (o ewig lachbereite Jugend!) alles betätigte ſie ſchon mit einer Selbſt verſtändlichkeit, die erſt dreißig Jahre ſpäter allgemein wurde. Schlitt ſchuhe lief ſie mit großer Freude, wenn auch mit etwas Angſtlichkeit. Sie fühlte ſelbſt, daß es über die Gewohnheit ihrer Jahre hinausging, aber auch ich war kein Meiſter, und wir liefen mit verſchränkten Armen und unter⸗ hielten uns herrlich. Ich glaube, daß ſie keiner Bewegung, keinem Ge ſchehen und Erleben, auf welchem Gebiet es auch ſein mochte, ohne leben digſte Anteilnahme gegenüber ſtand. Längſt hatte ſie ſichere Stellung zu allen Fragen, ob ſie Politik oder ſoziale Einrichtungen, Stadt oder Vater land, Frauenrecht oder Schulweſen betrafen.

Längſt hatte ſie ſich auch in der ihr erſt ſo fremden Stadt ſichern Boden und aufrichtige Anerkennung erworben. Stark ſozial war ihr Denken eingeſtellt, das ſie in uns pflanzte, wenn nötig einhämmerte.

Schülerinnen, nicht nur der Geſellſchaftskreiſe, ſondern faſt noch in größerem Maße aus Handwerker- und kleinen Kaufmannskreiſen, kamen zu ihr. Geiſtig bedeutende Lehrkräfte wußte ſie zu gewinnen und der Schule zu erhalten. Bei Dr. Ella Menſch lernten wir den erſten freien Vortrag geſtalten, ſie weckte in uns eine Ahnung von den unendlich ver zweigten geſchichtlichen Zuſammenhängen.

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