Nicht vom deutſchen Humanismus, ſondern von Luther und ſeinem Kreiſe wurde auf die Notwendigkeit einer ſolchen Aufgabe hingewieſen und Wege gebahnt, ſie in die Tat umzuſetzen. In jenem Kampfe der Geiſter, in dem um jede Menſchenſeele gerungen wurde, war es eine innere Notwendig— keit, Geiſt und Seele der kommenden Generation, auch der Frauen, nicht nur zu gewinnen, ſondern auch auszurüſten. Luthers Schrift an die deutſchen Ratsherren und die Fülle der damals entſtandenen Schulordnun— gen zeigen uns deutlich das Ringen auch um eine zeitgemäße Mädchen— bildung. Daneben entfaltete die katholiſche Kirche ebenfalls eine rege Tätigkeit: wir brauchen nur an die Gründung des Urſulinenordens und des Ordens der engliſchen Fräulein zu denken. Von Luther führt eine ge— rade Linie über Comenius zum Pietismus, deren Führer Spener und vor allem A. H. Franke in ihrer Art bahnbrechend gewirkt haben. Es iſt eine viel zu wenig bekannte Tatſache, daß von Francke in Halle am Ausgang des 17. Jahrhunderts die erſte höhere Mädchenſchule in Deutſchland, das ſog. Gynecaeum in Halle errichtet wurde²), und daß im evang. Deutſch— land als eines der erſten deutſchen Mädcheninternate das 1705 von der Großmutter des Grafen Zinzendorf, der ſelbſt einer der tiefgründigſten Pädagogen ſeiner Zeit war, gegründete Magdalenenſtift zur Altenburg genannt werden muß. Gewiß, die Gründer fußten z. T. auf fränzöſiſchen Vorbildern, aber ſie ſtanden als religiöſe Menſchen in bewußtem Gegen— ſatz zu der Frauenbildung, wie ſie als Ausdruck des Verſailler Hofes in Frankreich gepflegt wurde. Einen neuen Vorſtoß in der Mädchenerziehung brachte die Aufklärung— vor allem ſind es die Gedanken Rouſſeaus— das kühnſte Wort in dieſer Frage für ſeine Zeit fand wieder ein evang. Theologe: Schleiermacher in ſeinem„Katechismus der Vernunft für edle Frauen“ ³). Gewiß ſprach er hier als der Wortführer der Romantik, aber gleichwohl ſpürt man überall ſeine religiöſe Einſtellung hindurch. Auch die Ereigniſſe der preußiſchen Erhebung und der Befreiungskriege gehen nicht ſpurlos an der Frage der Mädchenbildung vorbei, doch nur ſehr zögernd geht der Staat und die Gemeinden nach 1815 zur Tat über. So entſtanden in Deutſchland bis 1820 nur 22 und von 1821—1840 nur 34 öffentliche Mädchenſchulen ¹“). Die Hauptaufgabe blieb auch jetzt, wie in den Zeiten vorher, den höheren Privatſchulen überlaſſen, die nunmehr in den erſten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in ſtarkem Umfang er— neut entſtehen und von denen manche wirklich Pionierdienſte— päda— gogiſch und praktiſch— auf dieſem Gebiete geleiſtet haben. Vielleicht dürfen wir hier auch an eine Tatſache erinnern: 1844 gründet Pfarrer Fliedner, der Schöpfer der evang. Diakonie, in Kaiſerswerth eines der erſten Lehrerinnenſeminare in Deutſchland.
Auch die Darmſtädter Schulverhältniſſe im erſten Drittel des 19. Jahrhunderts bieten das gleiche Bild. Zwar geht 1820 Staat und Stadt durch Errichtung zweier höherer Mädchenſchulklaſſen im Anſchluß
²) Lange⸗Bäumer III. S. 49.
³) Desgl. I Seite 19.
4) III. S. 87.


