Aufsatz 
Bericht über drei Flugschriften / Hirschberg
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

Eine so hohe Bedeutung kann ich für die drei Flugschriften, welche in vorliegender Arbeit besprochen werden sollen, nicht in Anspruch nehmen. Die drei Verfasser sind nicht wesentlich tiefer eingeweiht in die diplomatischen Geheimnisse, als es ein aufmerksamer Zeitungs- leser sein konnte, wenn auch der eine so thut, als hätte er etwas hinter die Coulissen gesehen. Sie lassen uns nur erkennen, wie sich die öffentliche Meinung kurz vor und nach dem Wende- punkt der Geschichte 1688 verhielt.

Der Grundgedanke ist bei allen dreien derselbe, der Gedanke, der damals alle erfüllte, die Furcht vor der Uebermacht, der Universalmonarchie Frankreichs. Dass alle drei auffordern, die von Frankreich drohende Gefahr zu bekämpfen, ist berechtigt, wenn auch der Ausdruck inFrankreichs Geist, dass Ludwig XIV. nicht nach der allgemeinen Weltbeherrschung trachte, sondern sein Ehrgeiz sich blos über Europa erstrecke, seltsam übertrieben ist. Aber diese Flugschriften gehen von dem Gedanken aus, dass dies immer so gewesen. Frankreichs Geist erwähnt allerdings, dass man vor Zeiten die Könige von Spanien beschuldigte, als ob sie nach der allgemeinen Weltmonarchie gestrebt hätten, fährt dann aber fort: Wenn dies wahr gewesen wäre.... Unddas Reunionsrecht will beweisen, dass es nicht zu dieser Zeit erst aufge- bracht ist, dass Frankreich die Herrschaft über Deutschland und andere europäische Provinzen prätendire, indem es anführt, 1599 habe Claude du Prè einen Traktat herausgegeben von dem wahren Ursprung der Franzosen, nach dem niemandem als den Franzosen, weil sie von Noë erstgeborenem Sohne herrühren, alle Theile der bisher bewohnten Welt unter sich zu bezwingen zustehe. Allerdings scheint diese Auffassung, dass Frankreich immer wenigstens auf Theile Deutschlands Anspruch gemacht, bestätigt zu werden durch die Aeusserung Karls VII. zum deutschen Gesandten, als er 1444 den Dauphin in das Elsass schickte: La couronne de France a été depuis beaucoup d'années dépouillée de ses limites naturelles, qui allaient jusqu'au fleuve du Rhin.

Dennoch beruht die Ansicht, dass Frankreich immer der angreifende Theil gewesen, auf einem Irrthum, es ist vielmehr im ganzen bis zum pirenäischen Frieden in der Defensive gegen die habsburgische Universalmonarchie. Hatte es sich der Uebermacht Karls V. und Philipps II. kaum erwehrt, so war Ferdinand II. noch drohender.Es lässt sich nicht nach- weisen, dass Richelieu den Plan gefasst habe, diese Macht anzugreifen, eher regte sich im Kaiserthum der Gedanke, Metz, Toul und Verdun wieder zu erwerben. Noch waren die drei Bisthümer der Oberhoheit des Reiches nicht ganz entzogen. Das Recht ward noch in den alten Formen gesprochen, noch im 17. Jahrhundert war die Belehnung der Bischöfe mit dem weltlichen Gebiet nachgesucht. Wallenstein und die Spanier dachten an einen Angriff auf Frankreich. Die Franzosen waren nicht entfernt der Meinung die deutschen Heerschaaren zu bestehen.(Nach Ranke.) Erst scit der Schlacht von Rocroy wächst ihnen der Mut und erst 1659 erreicht Frankreich im Süden den Kamm der Pirenäen und erlangt im Norden die nieder- ländischen Festungen, von denen aus Spanien Paris bedrohte.

Während sich die Verfasser der drei Flugschriften in dieser Beziehung in demselben allerdings erklärlichen Irrthum, was die Vergangenheit betrifft, befinden, zeigt sich ein zweiter gemeinsamer, aber erfreulicher Zug darin, dass sie dem confessionellen Standpunkt keinen Ein- fluss auf ihre politischen Ansichten gestatten. Wenn auch der fanatische Eifer erkaltet war, und der Hass gegen die anderen Religionsparteien nicht mehr so stark war, wie in der ersten Periode der neueren Geschichte, so beeinflusste er doch noch entschieden die Politik. Es ist die Zeit, in der in Frankreich das Edict von Nantes aufgehoben wurde, und in der in Wien