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Endlich können wir auch noch ein epigraphisches Zeugnis für unsere Annahme beibringen: in dem Edikt Diocletian, in welchem Zwangspreise für Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände festsetzte, findet sich auch der Preis für centuncla equestria, offenbar Pferdedecken. Hier wird ausdrücklich hinzugesetzt, daß dieselben aus Filz bestanden. Die billigeren waren schwarz oder weiß, die feinste Qualität mit Stickerei verziert ²⁷).
An die alte, ursprüngliche Art centones zu bereiten erinnert ein bei Nonius angeführtes Citat aus Lucilius 2⁵):»sarcinatorem esse summum, suere centonem optime«. Doch ist gar nicht ausgeschlossen, da wir den Zusammenhang, in dem diese Worte vorkommen, nicht kennen, datß hier gemeint ist: der sei der beste Flickschneider, der einen cento(so) vortrefflich, d. h. in diesem Fall(so) dicht nähen kann,(als wäre er von Filz). Der Nachdruck liegt dann auf dem Wort »suere« im Gegensatz zu dem bei dem Wort cento unwillkürlich vorgestellten»cogerec«. Eine bei Plautus vorkommende sprichwörtliche Redensart ²⁹), die gewöhnlich als Beleg citiert wird für die Bereitung durch Zusammenflicken, nehme ich gerade für die oben angenommene Bereitungs- weise in Anspruch. Sie heißt»centones alicui sarcire« im Sinne von»jemanden Lügen aufbinden«. Der Nachdruck der Wendung liegt auch hier m. E. auf dem»sarcirec«. Gute centones müssen durcheinandergearbeitet, d. h. gefilzt, nicht zusammengeflickt werden, sonst entsteht kein brauch- barer cento, sondern nur ein unreelles Lappenwerk. Folglich bedeutet die Wendung:»einem einen Cento zusammenflicken«(statt zu filzen) soviel wie:»einen unreell bedienen oder betrü- gen«, etwa entsprechend der Wendung:»einem ein X für ein V machen«. Es ist auffällig, daßs noch niemand auf diese Erklärung gekommen ist, denn der Sinn der Wendung läßt sich nicht aus den Worten ableiten, wenn man unter centones hier Stoffe aus zusammengenähten Lappen versteht ³⁰).
Der Anwendung des Wortes auf das litterarische Produkt einer überreifen Periode, welches Eustathios a. a. O. bespricht, rechtfertigt sich gleichfalls besser bei unsrer Erklärung von der Bereitung des cento. Die einzelnen Dichterstellen sind wie die einzelnen Lappen zu einem Ganzen verarbeitet, welches auch äußerlich als solches erscheint. Die Idee, der Inhalt der Erzühlung des cento verbindet die einzelnen Dichterstellen zur Einheit, so daß ein der Litteratur unkundiger oder unbefangener Leser dem dichterischen Machwerk nicht ansehen kann, daß es aus einzelnen aus dem Zusammenhang gerissenen Versen besteht. Einem zusammen- genähten cento jedoch würde man stets die Nähte und einzelnen Placken ansehen können.
In der häufigen Verwendung der centones als Löschmittel und ihrer Notwendigkeit für jedes Haus ist die Wichtigkeit des Handwerks der centonarii und ihr Vorkommen in einem
²7) Edictum Diocletiani de pretiis rerum C. I. L. III, p. 831, n. 7,52:»Centunclum equestrae quoactile album sibe nigrum librarum trium* centum«. 53:»Centunclum primum ornatum ab acu ponderis s. s.* CC quinquaginta«.
28) p. 175/176 s. v. sarcinator.
²⁹) Epid. 3, 4, 18:»quin tu alium quaeras, cui centones sarcias«. Eine andere Lesart gibt»cui centones farcias«=»Jemdn die Lumpenmatratze vollstopfen«, so Klotz, Wörterb. s. v. cento mit Berufung auf die oben citierte Stelle aus Macrob. Sat. I, 6, welche aber für die Erklärung»Lumpenmatratze« gar nichts beweist. Sowohl dem Sinn nach als auch deswegen, weil centones nur zur Abwehr gegen feindliche Geschosse und Feuer gestopft wurden, ist diese Lesart zu verwerfen.
²⁰) Denn wollte man die Worte verstehen entsprechend dem Deutschen:»ein Lügengewebe erfinden«, so müßte in dem Wort centones schon an und für sich ein tadelnder Begriff enthalten sein, und der liegt nicht darin. Es wäre aber nach der gewöhnlichen Auffassung das Zusammennähen des Stoffes aus einzelnen Flicken (also das sarcire) die richtige und reelle Darstellungsweise der centones.


