Aufsatz 
Geschichte des Gymnasiums zu Weilburg in den letzten 50 Jahren : Festschrift zur Feier des 350jährigen Bestehens der Anstalt am 14. August 1890
Entstehung
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Interpretation weniger darauf an, ein ganzes Werk zum Verständnis zu bringen, sondern er begnügte sich mit stückweiser Durchnahme einer Schrift des Cicero oder einer Tragödie des Sophokles.— Ubrigens war sein Vortrag ungemein anregend, aber eben mehr anregend als methodisch einführend und fördernd. Selbst in den dem lateinischen Stil gewidmeten Stunden, in denen Forcellini, Nizolius und andere Folianten unter die Schüler zum Nachschlagen verteilt zu werden pflegten, trugen bei der Mehrzahl nicht die gewünschten Früchte, zumal da er kein Freund regelmäfsiger Korrekturen war. Seine ausgebreitete Schriftstellerei trug daran die Schuld. Die Themata zu den lateinischen Disputationen waren nicht selten zu hoch; die Sprechübungen hatten wenig Erfolg*).

Aulser seinen philologischen Sprachstunden erteilte er auch in Prima den Unterricht in der klassischen Altertumskunde, in griechischer und römischer Litteratur, in der Eney- klopädie der Wissenschaften und der akademischen Hodegetik, sowie in der Religion. Der Religionsunterricht war nach dem Edikt vom Jahre 1817 ein allgemeiner, an dem Schüler aller Konfessionen teilnahmen. Bezeichnend ist, wie Friedemann im Oster- programm 1835 über das, was er vorgenommen, berichtet:„Die Hauptgegenstände der christlichen Glaubens- und Sittenlehre, nach dem Wesen der Religion und ihren Erscheinungs- formen aufgefaſst, und in Beziehung gesetzt mit den verschiedenen Systemen der Religions- wissenschaft und der christlichen Kirchengemeinschaften, für das wissenschaftliche, amt- liche und religiöse Leben künftiger Staatsdiener, genetisch und irenisch entwickelt, nach eigenen Diktaten, welche bald erotematisch, bald akroamatisch ausgeführt und mit den nötigen Litteraturnotizen begleitet wurden.“

Neben dem allgemeinen Religionsunterricht wurde jedoch schon im Jahre 1831 ein Konfessionsunterricht für die Katholiken in besonderen Stunden eingeführt; 1839 hört der allgemeine Religionsunterricht ganz auf, und sowohl Protestanten wie Katholiken wurden von da an in wöchentlich 2 Stunden von ihrem Geistlichen unterwiesen.

Das Lehrerkollegium bestand bei Friedemann's Eintritt aus den Professoren Eichhoff, J. Ph. Krebs, Hänle, Sandberger und Lex. Dazu kam von Ostern 1828 an für die französische Sprache der Lektor Barbieux**). In den nächsten Jahren wurden jüngere Kräfte als Hilfslehrer(Kollaboratoren) herangezogen, als Fachlehrer für die Mathematik Joh. Hehl, für das Griechische Rudolf Kreps, aufserdem für den

*) Neuerdings hat Koldewey in den Jahrbb. von Fleckeisen u. Masius, 1889, Heft 8 u. 9, p. 382 folgendes Urteil über Friedemann gefällt:„Ein auf der Meiſsener Fürstenschule gebildeter, eifriger und gelehrter, aber infolge seines unruhigen Ehrgeizes und wegen des ihm vorschwebenden ein- seitig humanistischen Bildungsideals hinsichtlich der wirklichen Bildungsbedürfnisse und der durchschnitt- lichen Leistungsfähigkeit der Jugend verblendeter Schulmann.“ Als Direktor des Katharineums und später des Obergymnasiums in Braunschweig verlangte er in der Maturitätsprüfung: 1. einen deutschen Aufsatz; 2. einen lateinischen Aufsatz; 3. einen französischen Aufsatz; 4. einen griechischen Aufsatz bezw. ein griechisches Exercitium; 5. eine deutsche metrische Übersetzung und lateinischen Kommentar zu einer vorher nicht gelesenen Stelle eines griechischen Tragikers; 6. eine eigene kurze lateinische metrische Komposition über ein gegebenes Thema bezw. die blofse metrische Übersetzung einer deutschen Aufgabe; 7. eine kurze griechische metrische Ubersetzung einer deutschen Aufgabe; 8. arithmetische Aufgaben; 9. geometrische Aufgaben; 10. für die Theologen die hebräische Ubersetzung eines deutschen Aufgabe- stücks.— Auch in Weilburg bestand seit 1830 eine Maturitätsprüfung, aber nur für Extraneer(s. u. „Maturitätsprüfung“). Sie mulsten 22 schriftliche Arbeiten liefern.

**) Über diese s. Eichhoff's Gesch. p. 193 ff.