6
am wenigsten für die erforderlichen Lehrkräfte. Aufser den wissenschaftlichen Lehrern wurden technische Lehrer nicht nur für Gesang und Zeichnen, sondern auch für Reiten und Tanzen angestellt und vom Staate besoldet, so daſs die an ihrem Unterricht teil- nehmenden Schüler nur ein ganz geringes Honorar zu zahlen hatten. Die Hauptlehrer, deren nach dem Edikt von 1817 aufser dem Direktor 5 sein sollten, erfreuten sich einer ehrenvollen Stellung; sie hatten den Titel„Professor“, der Direktor den Dienstcharakter „Oberschulrat.“ Er stand in der Besoldung den Kollegialräten gleich, die Professoren den höchsten Lokalbeamten. Bis zum Jahre 1845 bildeten sie auch die Prüfungskommission für die Kandidaten des höheren Schulamts.
Der zweite Direktor des Landesgymnasiums, der Oberschulrat Friedr. Trau gott Friedemann, Dr. theol. et phil., der am 4. August 1828 sein Amt antrat, wurde im Jahre 1830 auch als korrespondierendes Mitglied der Landesregierung Referent für das Gelehrtenschulwesen und übte in seiner doppelten Stellung einen mächtigen und lange nach- wirkenden Einfluſs auf die Gestaltung und Weiterentwickelung der Anstalt aus. Er war geboren am 31. März 1793 zu Stolpen im Königreich Sachsen, besuchte die höhere Bürger- schule zu Neustadt-Dresden, dann die Fürstenschule St. Afra zu Meilſsen, studierte Theo- logie und vorzüglich Philologie unter Lobeck zu Wittenberg, promovierte 1812, wurde 1813 Konrektor am Gymnasium zu Zwickau, 1817 Konrektor am neuorganisierten Gym- nasium zu Wittenberg, 1820 Rektor daselbst, 1823 Direktor am Katharineum zu Braun- schweig*). Als er von da hierher berufen wurde, stand er in seinen besten Jahren. Mit uͤngewöhnlicher Regsamkeit und umfassender pädagogischer und philologischer Bildung griff er umgestaltend in alle Verhältnisse ein und brachte neue Bewegung in die Anstalt. Ganz anders gerichtet als sein Vorgänger, behielt er zwar die in dem Lehrplan vor- geschriebenen philosophischen Fächer bei, nahm aber als Philologe aus sächsischer Schule, der sich durch Meisterschaft im lateinischen Stil und in der Verskunst auszeichnete, die Arbeitskraft der Schüler vorzugsweise dadurch in Anspruch, daſs er lateinische, in Prima auch griechische Verse machen und Gedichte aufertigen liels, den lateinischen und griechi- schen Exercitien eine gröfsere Stundenzahl anwies, lateinische Disputierübungen einführte, die Schriftsteller lateinisch erklären liels u. dgl. mehr. Diese Neuerungen zogen ihm wiederholte Angrifte in der Presse zu, gegen die er sich in seinen„Beiträgen zur Vermittelung widerstreben- der Ansichten u. s. w.“ tapfer verteidigte. Aber trotz des vielen Trefflichen, was dort gesagt ist, lälst sich doch nicht verkennen, dals er in seinen philologischen Anforderungen zu weit ging. Man vergleiche z. B. folgende Kuſserung(II, p. 63): Die erste Klasse eines wohl ein- gerichteten Gymnasiums muſs mit der Kritik bekannt werden, muſs die Kommentare der Gelehrten verstehen und sich selbst helfen lernen. Daher wird in ihr fast immer nur sogenannte statarische Lektüre zu finden sein; die kursorische muls sie selbst bewirken durch das Privatstudium., Durch solche Ansichten und Absichten erklärt es sich, daſs Friedemann den Schülern auch ein von ihm herausgegebenes„Verzeichnis einer philo- logischen Handbibliothek“, Braunschweig 1825, in die Hand gab, um sie mit der philo- logischen Litteratur bekannt zu machen, ferner auch die gelehrten, lateinischen Kommen- tare ihnen anempfahl und über dieselben in der Klasse examinierte. Es kam ihm bei der
*) Ich füge diese Notizen hier hinzu, weil sie weder in der Geschichte von Eichhoff, noch in einem früheren Programm der Anstalt enthalten sind.


