— 18— er darf ſogar einem Ausländer den Thron vermachen. Dieſer Anſicht tritt Spinoza entſchieden entgegen:„Die aber(und damit meint er wahrſcheinlich Hobbes), welche behaupten, daß ein König einfach deswegen, weil er Herr der Regierung iſt, und dieſe abſolut inne hat, dieſelbe übergeben könne, wem er wolle, und daß er irgend einen beliebigen Nachfolger ernennen könne, ſind auf einem Irrwege.“
Zu einem ſehr eigentümlichen Schluß kommt Spinoza VI, 7; indem er von den Nach⸗ teilen einer ganz abſoluten Monarchie handelt, ſagt er unter andern:„Hierzu kommt noch, daß für gewöhnlich die Könige ihre Söhne mehr fürchten als lieben, und um ſo mehr, je mehr dieſe in den Künſten des Friedens und Krieges erfahren ſind. Deshalb trachten ſie darnach, ſie ſo zu erziehen, daß ſie einen ungebildeten Thronfolger haben, bei dem die Urſache zu jener Furcht wegfällt.“— Dies iſt doch ein ſehr geſuchter und überdies ſehr unwahrſcheinlicher Vor⸗ wurf, den Spinoza der Monarchie macht. An welches Beiſpiel aus der Geſchichte er hierbei gedacht haben mag, iſt unklar.¹) Weshalb ſollte auch ein Herrſcher, und wenn er ein Deſpot der ſchlimmſten Sorte wäre, überhaupt ſeinen Sohn fürchten? Im Gegenteil, abgeſehen davon, daß ein ſolcher Zuſtand ganz und gar der menſchlichen Natur widerſpricht, ſind Fälle, wo ein Vater, mag er nun König ſein, oder nicht, ſein Kind abſichtlich in Dummheit zu erhalten be⸗ müht iſt, doch nur ſeltene Ausnahmen.—
§. 16. Ich glaube durch das bis jetzt Geſagte die Grundanſchauungen eines jeden der beiden Philoſophen des näheren fixiert zu haben und kann mich deshalb bei der Aufzählung der noch folgenden Verſchiedenheiten um ſo kürzer faſſen und mich mit einfacher Hinweiſung auf die betr. Stellen begnügen. 2
1) Über die Einrichtung des Militärs in einem Staate ſpricht Hobbes XXI p. 165, Spinoza VI, 10. Nach des letzteren Anſicht hat jeder Bürger die Pflicht, die Waffen zu tra⸗ gen, dies iſt überhaupt Bedingung, um Bürger zu werden; er fordert alſo gewiſſermaßen ſchon allgemeine Wehrpflicht. Er iſt in der Monarchie gegen Söldnerheere und will ein nationales Heer. Hobbes ſagt hiervon nichts näheres. Nur wenn der Staat in Gefahr iſt, iſt jeder Büngke verpflichtet, die Waffen zu ergreifen; übrigens kann er auch einen andern für ſich einſtellen.. 2) Spinoza(VI, 12 und VII, 19) ſagt, daß aller Grund und Boden dem Souverän ge⸗ höre und von dieſem gegen jährlichen Zins(annuo pretio) an die einzelnen Bürger verpachtet werde; alſo: alle Immobilien ſind gemeinſamer Beſitz des Staates. Hobbes(XVIII p. 136) geht nicht ſo weit. Er ſagt, der Oberherr habe nur das Recht, über mein und dein d. h. über das Eigentum zu beſtimmen(regulas praescribere circa rerum proprietatem), da im Status naturalis jeder ein Recht auf alles hatte.
3) Grundverſchieden ſind ihre Anſichten i. Bez. auf die öffentlichen Ratgeber⸗e). Während Spinoza ſich ſchon ganz auf dem Wege der konſtitutionellen Monarchie befindet(„der Rat iſt aus den Bürgern zu wählen“ VI, 15;„er hat die Grundgeſetze des Staates zu verteidigen“, VI, 17;„der König iſt der Geiſt, die Ratsverſammlung aber der Körper des Staates“, VI, 19), ſind Hobbes’ Ratgeber lediglich Privatratgeber des Oberherrn, deren Meinungen dieſer am beſten nicht in öffentlicher Sitzung, gegen die Hobbes bei jeder Gelegenheit loszieht, ſondern einzeln anhört. Spinoza hebt immer hervor, daß eine öffentliche Verſammlung nie zu klein ſein dürfe. So iſt es bei obiger königlicher Ratsverſammlung, ſo iſt es in noch weit höherem Grade, wenn er von der ariſtokratiſchen Regierung ſpricht. Er will ſtets der Korruption vor⸗ beugen, er glaubt, daß durch die Vielheit der Meinungen und durch den öffentlichen Meinungs⸗ austauſch in einer großen Verſammlung weit beſſere und dem Staatswohl ſowohl, als auch dem Wohle des einzelnen weit förderlichere Beſchlüſſe gefaßt werden könnten. 1
¹) Es müßten denn ähnliche Umſtände vorwalten, wie z. B. in Calderon's Leben ein Traum, wo es für den König ein Gebot der Selbſterhaltung iſt, ſeinen Sohn Siegismund fern von aller Kultur aufwachſen zu laſſen. ²) Cf. Lev. XXV u. XXX p. 252, Tr. pol. VI, 15—23.. Ia 44


