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§. 17. Zum Schluſſe dieſer Abhandlung ſei es mir noch geſtattet, einige Worte zu Gunſten des ſo oft und ſo viel geſchmähten Hobbes zu ſagen. Es war natürlich, daß ein Syſtem, wie das des Hobbes viele Gegner bekommen mußte, und ſeit Spinoza ſind denn auch eine Maſſe von Widerlegungen und Gegenſchriften gegen Hobbes zu Tage getreten. Man hört ſehr oft von oberflächlichen Beobachtern ſchimpfen über den blinden Abſolutiſten Hobbes, ohne daß jedoch die Gründe erwogen werden, die für ihn ſprechen und dieſe ſind denn doch auch ſehr gewichtig. Ich glaube, daß wir ſeine Verteidigung nicht beſſer führen können, als wenn wir ihn mit einem andern Staatstheoretiker vergleichen, der mit ihm beinahe gleiches Schickſal hatte, nämlich mit Macchiavelli, der im 16. und 17. Jahrhundert ſo ſehr gefeiert war und im 18. Jahrh. ſo geſchmäht und heruntergezogen wurde, daß ſelbſt Friedrich der Große ſich daran machte, eine Gegenſchrift, den Antimacchiavell, erſcheinen zu laſſen, um Macchiavelli's „Principe“ zu widerlegen. Wie wenig ihm dies gelungen, und wie wenig es überhaupt ge⸗ lingen konnte, mußte er ſpäter ſelbſt einſehen. Wie Hobbes dem Deſpotismus das Wort re⸗ det, ſo ſah Macchiavelli die verwerflichſten Mittel als geheiligt an für einen Fürſten, um ſei⸗ nen Zweck zu erreichen; er brachte gewiſſermaßen den Satz in der Politik auf:„der Zweck heiligt alle Mittel.“ Dieſer Satz war es, der das ſentimentale 18. Jahrhundert ſo gegen ihn arfregte, der aber auch den nicht ſentimentalen König Friedrich gegen ihn aufbrachte, der aus⸗ ſprach„le roi est le premier domestique“ ja„le premier serviteur de ses peuples“; der die königliche Würde als ein Amt anſah, das zur Ruhe der Völker unumgänglich nötig iſt, als ein Amt des Schutzherrn, des Schiedsrichters, der die Intereſſen der Einzelnen mit denen der Geſammtheit vereint.— Es ſind die Macchiavelliſten des 16. Jahrh., gegen die ſich der gerechte Zorn hätte richten müſſen, und, wenn Hobbes und Macchiavelli die Konſequenzen ge⸗ ſehen hätten, die man aus ihrer Theorie zog, wenn ſie die gewiſſenloſe Willkürherrſchaft der Souveräne des 18. Jahrhunderts geſehen hätten, den Hof eines Ludwig XV., der beſtrebt war, ſich ſelbſt und mit ſich das ganze Volk zu Grunde zu richten, und ferner jene Maſſe der kleinen deutſchen Deſpoten: ſie hätten ſich jedenfalls mit Schrecken abgewandt und hätten Friedrich dem Großen Recht gegeben.
Aber— und dies iſt bis jetzt in ſehr geringem Maße geſchehen— Macchiavelli und Hobbes ſind von hiſtoriſchem Standpunkte aus zu betrachten; ſie müſſen nach der Zeit beurteilt werden, in der ſie gelebt haben. Beide waren ehrliche Patrioten, ſie wollten das Beſte ihres Vaterlandes. Macchiavelli ſpricht dies im 26. Kapitel offen aus: er will Italien von der Fremdherrſchaft befreien, er will es einig machen, er erſtrebt ein Problem, das erſt Jahrhunderte ſpäter Cavour löſte und dieſes Problem glaubt er nur durch einen Staat, wie er ihn beſchreibt, verwirklichen zu können.— Ebenſo Hobbes; wenn er es auch nicht ausdrücklich ausſpricht, ſo können wir es doch aus manchen Bemerkungen in ſeinem Leviathan ſchließen, wie ihn das Unglück ſeines Vaterlandes tief ſchmerzte, wie er von Ingrimm erfüllt war gegen die Revolution und wie ihn das Schickſal des angeſtammten Königshauſes tief rührte. Auch er glaubt dieſe Zuſtände nur durch eine abſolute Monarchie beſeitigen zu können. Das Ungeheuer, Bürgerkrieg genannt, muß nach ihm durch ein andres Ungeheuer, den Leviathan, unterdrückt werden.
Von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet, kann man ihre Staatslehre nicht unbedingt ver⸗ dammen, im Gegenteil, man muß Macchiavelli und Hobbes achten und lieben. Einer der erſten, der Macchiavelli in richtiger Weiſe zu würdigen verſtand, war Spinoza(V, 7).— Man kann ſagen, daß ſich Hobbes zu Spinoza ebenſo verhält, wie der Fürſt Macchiavelli's zu dem Anti⸗ macchiavell Friedrichs. Hobbes und Mäcchigvelli zeigen uns in grellen Farben die Nachteile einer abſoluten Monarchie, Spinoza und Friedrich der Große ſchildern uns das Königtum, wie es ſein muß, um das Wohl des Volkes zu fördern.—
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