Aufsatz 
Die Staatstheorie von Hobbes und Spinoza nach ihren Schriften "Leviathan" und "tractatus politicus" verglichen / von Karl Gaul
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

Intereſſe des Friedens liegt, alle Gewalt auf einen zu übertragen, und er weiſt hierbei auf die deſpotiſche Regierung der Türkei hin, die ſich durch Jahrhunderte gehalten und anderſeits auf die verhältnismäßig kurze Dauer der Demokratien. Aber und hierin weicht er voll⸗ ſtändig von Hobbes ab der Friede beſteht eben nicht in der einfachen Abweſenheit des Krieges, ſondern in der Eintracht der Geiſter. Letzteren Punkt hat Hobbes ganz überſehen; ihm war es eben nur darum zu thun, das Schreckgeſpenſt des Krieges, worunter er natürlich vorzugsweiſe den Bürgerkrieg verſtand, fernzuhalten. Wir ſehen deutlich den Fortſchritt Spi⸗ nozas gegen Hobbes, wenn er ſagt:Wenn Sklaverei, Barbarei Frieden zu nennen ſind, dann gibt es keinen elenderen Zuſtand für die Menſchen als den Frieden.!)

Woher kommt es nun, daß ein ſolcher Depotismus ſo lange andauern kann? Einfach daher, daß die betr. Völker für eine vollkommenere Staatsform, wie die konſtitutionelle Mo⸗ narchie oder die Republik noch nicht reif ſind und deren Vorteile noch nicht zu würdigen wiſſen. Sobald ein Volk einen gewiſſen Grad der Civiliſation erreicht hat, wird es ſtets darnach ſtreben, das verhaßte Joch abzuſchütteln; das deutlichſte Beiſpiel hierfür haben wir an Rom: die erſie Regierung war das abſolute Königtum; dies wurde, als der Volkswille mächtiger geworden war, geſtürzt und die Republik trat an ſeine Stelle; ſpäter, als das alte nationale Bewußtſein mehr und mehr ſchwand und Verweichlichung und Sittenverderbnis eingetreten war, konnte die abſolute Monarchie wieder ihr Haupt erheben und ſie that dies in der Perſon des Kaiſers Auguſtus; anfangs milde und zurückhaltend, trat der Deſpotismus unter den un⸗ mittelbaren Nachfolgern des erſten Kaiſers bald in ſeinen ſchlimmſten Formen auf.

§. 13. Hobbes widerlegt(Kap. XIX p. 142 ff.) alle Vorwürfe, die einer Monarchie von Seiten eines Republikaners gemacht werden können. Vorerſt gibt er zu, daß die Be⸗ ſchlüſſe eines Monarchen, der der menſchlichen Natur eigentümlichen Unbeſtändigkeit(incon- stantia) unterworfen ſeien; aber in einer Republik ²) ſei dies noch viel ſchlimmer; hier werde dieſe Inconſtanz durch die Vielköpfigkeit der höchſten Gewalt noch vermehrt. Was bei Hobbes ein Nachteil zu ſein ſcheint, iſt bei Spinoza grade ein Vorteil des Freiſtaates ³). Eine Mo⸗ narchie muß, um dauerhaft zu ſein, ſo eingerichtet werden, daß omne ius sit Regis explicata voluntas, at non ut omnis Regis voluntas ius sit(VII§. 1); denn der Wille eines ein⸗ zelnen Menſchen iſt ſehr variirend und unbeſtändig, was man von dem Willen einer Rats⸗ verſammlung(die freilich nach ſeiner Anſicht nicht zu klein ſein darf) keineswegs ſagen kann.

Erſt die Regierung einer genügend großen Verſammlung, ſchließt Spinoza, nähert ſich daher am meiſten der abſoluten,(als eine ganz abſolute Regierung betrachtet er die Demokra⸗ tie), und zwar aus dem Grunde, weil ſie keine Ratgeber nötig hat und daher ihr erklärter Wille allein Recht iſt. Hobbes iſt hierin andrer Meinung. ⁴¹) Er betrachtet es grade als ei⸗ nen Vorteil, daß der Monarch, ſobald er wolle, jeden zu Rate ziehen könne, daß er die Ge⸗ danken derjenigen ſeiner Unterthanen, die in der betr. Sache am erfahrenſten ſeien, im Gehei⸗ men anhören könne. Wo aber eine ganze Geſellſchaft an der Spitze ſtände, könne dieſelbe keinen andern Rat erwarten, als den ihrer eigenen Mitglieder, von denen der größte Teil rerum civilium imperiti ſei. Auch ſei es wegen der Menge eines ſolchen coetus hominum unmöglich, einen Entſchluß zu faſſen, an deſſen Geheimhaltung alles gelegen ſei. Was Hobbes hier ſagt, beweiſt deutlich, daß er doch eigentlich von dem Weſen einer Republik einen ſehr

¹) Cf. Rouss. Contr. soc. I, Cap. 4: On dira que le despote assure à ses sujets la tranquillité civile. Soit; mnis qu'y gagnent-ils, si les guerres que son ambition leur attire, si son insatiable avidité, si les vexations de son ministère les désolent plus que ne feraient leurs dissentions? Qu'y gagnent-ils, si cette tranquillité mème est une de leurs misères? On vit tranquille aussi dans les caehots; en est-ce assez pour s'y trouver bien? Les Grecs enfermés dans l'antre du Cyclope vivaient tranquilles en attendant que leur tour vint d'être dévorés.

²) H. ſagt in coetibus; coetus iſt aber ſoviel wie Pöbel, gemeines Volk. Alſo wäre bei ihm Freiſtaat und Anarchie ziemlich einerlei.. Cf. Tr. VIII, 3. ) Lev. XIX p. 143.