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Grundgeſetz des Naturrechts:„Quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris“(XY p. 121) kommt hier nicht in Betracht. Die Moral der Staaten iſt eine ganz andere, als die der Privaten; ein Fürſt iſt geradezu verpflichtet, einen Vertrag zu brechen, wenn derſelbe ſeinem Staate ſchädlich iſt, denn er muß das Wohl ſeiner Unterthanen fördern. Der Monarch hat Rechte, die dem einzelnen Unterthan nicht zukommen; er ſchädigt ein ganzes Volk beim Halten eines nachteiligen Vertrags, ein einzelner ſchädigt nur ſeine Perſon. Deshalb iſt auch ein Diplomat, der ſich ein Gewiſſen daraus macht, einmal treulos zu handeln, der nicht ſchlau und durchtrieben iſt, ein ſchlechter Diplomat. Ich brauche hierbei nur an die großen Diplomaten der Neuzeit zu erinnern, Richelieu, Pitt, Metternich, Cavour, denen es auf einen kleinen Wortbruch nicht ankam, wenn es der Vorteil ihres Staates erheiſchte, und ſie handelten voll⸗ ſtändig recht.
§. 11. In keinem Teile der Staatslehre tritt der Gegenſatz zwiſchen Hobbes und Spi⸗ noza ſchärfer hervor, als in der Art, wie ſie die verſchiedenen Verfaſſungen ſchildern. Während beide annehmen, daß drei Arten von Verfaſſungen möglich ſeien, die demokratiſche, die ariſto⸗ kratiſche und die monarchiſche, ſind ihre Anſichten i. Bez. auf die beſte Staatsform diametral entgegengeſetzt. Wir müſſen ſtets im Auge behalten: Hobbes iſt Monarchiſt, Spinoza Repu⸗ blikaner; dies iſt der rote Faden, der ſich durch ihre Syſteme hindurchzieht und der beider Politik grundverſchieden macht. Wir, die wir die Zuſtände eines deſpotiſchen Regimentes glücklicherweiſe überwunden haben, werden freilich an der Lehre eines Hobbes wenig Geſchmack finden, und wir werden leicht geneigt ſein, dieſelbe zu verdammen. Aber wir dürfen nie die Zeit vergeſſen, in der Hobbes ſchrieb und daß ſeine Stimmung durch die trüben Erfahrungen, die er in der engliſchen Revolution gemacht, notwendig ſich auf ſeine Schriften übertragen mußte. — Der Staat, den Spinoza uns vor Augen führt, iſt, in welcher Form er auch ſein mag, durchaus kein deſpotiſcher, wenn wir unter Deſpotismus die Staatsverfaſſung verſtehen, die von der Macht einzelner abhängt und nach dem Belieben des jeweiligen Herrſchers geleitet wird. Die Hauptgrundſätze einer Vergleichung der beiden Philoſophen in dieſer Beziehung hat Kuno Fiſcher in ſeinem Werke I p. ff. 437 niederlegt. Er ſagt:„Hobbes' Deſpotismus iſt überhaupt kein Staat, es iſt dies noch der reine„status naturalis“, in dem ſich nur ein ein⸗ zelner, der durch Stärke hervorragt, über die andern emporgeſchwungen hat.“ Dies iſt auch wahr: ein Zuſtand, wo ein einzelner unumſchränkte Macht über Leben und Tod der andern hat und wo der alleinige Wille dieſes einen Geſetz iſt, kann den Unterthanen keine, oder doch nur bedingte Sicherheit gewähren. ¹)
§. 12. Gehen wir nunmehr auf das einzelne ein: Hobbes(XIX p. 143) behauptet, der Staat ſei der Beſte, wo das öffentliche Wohl mit dem Wohle des einzelnen am innigſten verknüpft ſei. Je einiger und centraliſierter daher die Staatsgewalt, deſto beſſer, und dies ſei hauptſächlich in der Monarchie der Fall. Anders Spinoza(VI, 3): Er geht von einem, Hobbes grade entgegengeſetzten Grundſatze aus, daß alle, ſowohl die, welche regieren, als auch die, welche beherrſcht werden, mögen ſie wollen oder nicht, nur das thun, was im In⸗ tereſſe des gemeinſamen Beſten liegt, d. h. daß alle genötigt werden, nach Vorſchrift der Ver⸗ nunft zu leben. Letzteres kann aber nur geſchehen, wenn nichts, was ſich auf das Gemein⸗ wohl bezieht, der Treue eines einzelnen, eines Monarchen überlaſſen wird. Spinoza hebt ausdrücklich hervor, daß kein Menſch, mag er Herrſcher ſein oder nicht, frei ſein könne von den menſchlichen Leidenſchaften, und daß deshalb die Regierung einer Geſellſchaft eine weit vollkommenere ſei..
Nirgends tritt der Gegenſatz zwiſchen Hobbes und Spinoza deutlicher hervor, als in die⸗ ſem Kapitel. Letzterer ſagt freilich(VI, 4): Es iſt durch die Erfahrung bewieſen, daß es im
¹) Cf. Rouss. Coutr. soc. I, Cap. 2:„Jl est dont douteux(dit Grotius), si lo genre humain appartient à une centaine d'hommes(d. h. den Fürſten), ou si ceite centaine d'hommes appartient au geure humain“ et il parait dans tout son livre pencher pour le premier avis. C'est aussi le sentinent de Hobbes. Ainsi voild l'espèce humaine diviséo en troupeaux de bétail, dont chacun a son chef qui le garde pour le dévorer.


