Aufsatz 
Die Staatstheorie von Hobbes und Spinoza nach ihren Schriften "Leviathan" und "tractatus politicus" verglichen / von Karl Gaul
Entstehung
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ſeinen Nutzen zu verfolgen(suum Esse conservare). Jeder ſtrebt darnach, daß die übrigen nach ſeinem Sinne leben; alle ſtreben darnach, die erſten zu ſein und kommen ſo notwendig in Streit. Da das auf dieſe Weiſe durch die Leidenſchaften beſtimmte Naturrecht dem einzelnen keine Sicherheit gewährt, ſo iſt der Menſch alsanimal sociale darauf angewieſen, ſich mit andern zu vereinigen und ſeine Rechte mit denen der andern zu teilen. Je mehr ſich daher zuſammenthun, um ſo mehr Recht(und daher auch um ſo mehr Macht) haben alle zuſammen.

Der letztere Punkt iſt genau zu beachten, denn hierin liegt der Hauptunterſchied, der Hobbes und Spinoza trennt. In der Art, wie beide denstatus naturalis ſchildern(als ein bellum omnium contra omnes), wie ſie aus dieſem dann den auf einem Vertrag be⸗ ruhendenstatus civilis ableiten, ſtimmen ſie im großen ganzen überein) Wie ſchon oben bemerkt iſt nun der Unterſchied der: Hobbes verläßt den Naturzuſtand völlig und fordert gänzlichen und freiwilligen Verzicht jedes einzelnen auf die Naturrechte und die natürliche Freiheit und Übertragung derſelben auf eine andre, künſtliche gebildete Gewalt.*) Nur dadurch, daß er dieſer Gewalt alle Macht verleiht, daß er ſie zu einem ſterblichen Gott macht, glaubt er den Zweck des Staates, den Frieden unfehlbar zu erreichen. Dies ergiebt ſich auch aus ſeiner Definition des Staates(XVII p. 131):Civitas persona una est, cuius actionum homines magno numero, per pacta mutua uniuscuiusque cum unoquoque fecerunt, se autores; eo fine, ut potentia omnium arbitrio suo ad pacem et communem defensionem uteretur..

Spinozas Syſtem iſt hierin weit natürlicher.3) Er ſieht mit richtigem Blicke, daß man auf das Naturrecht gar nicht völlig verzichten könne und daß es durchaus keine Sicherheit des Daſeins gewähre, wenn man die natürlichen Rechte vernichte oder ſie der Willkür einer dritten Gewalt anheimgebe; und beſonders ſei dieſer Zuſtand noch doppelt gefährlich, wenn dieſe höchſte Gewalt ein einzelner beſitze, wenn der Staat eine Monarchie ſei, wie ſie doch Hobbes immer vorſchwebt. Die Naturgeſetze ſind für Spinoza ewig und der Staat iſt ihm nur die Verwirklichung des natürlichen Rechtes d. h. die Beſeitigung der durch die Affekte hervorgerufenen gefährlichen Seite des natürlichen Zuſtandes durch Einſetzung einer das Recht und Unrecht, das Mein und Dein beſtimmenden höchſten Gewalt. Spinoza ver⸗ meidet ſo den Widerſpruch, den ſich Hobbes in ſeinem Syſtem notwendigerweiſe mußte zu Schulden kommen laſſen, daß er nämlich die Naturrechte in ſeinem Staate vollſtändig aufhebt und ſich doch bei vielen Gelegenheiten wieder auf ſie berufen muß. ¹) Spinoza ſagt(III, 3) ausdrücklich:Das natürliche Recht jedes einzelnen hört ſtreng genommen im Staate nicht auf. Der Menſch handelt ſowohl im Naturzuſtande als im bürgerlichen Verbande nach den Geſetzen ſeiner Natur und erſtrebt ſeinen Nutzen.

§ 6. Wenn wir mit kurzen Worten die Staatsphiloſophie von Hobbes und Spinoza charakteriſieren wollen, ſo können wir mit K. Fiſcher(a. a. O. p. 427) ſagen:Hobbes ſucht für ſeinen Staat den natürlichen Grund, er verhält ſich zum Staate als Phyſiker, Spinoza ſucht die natürliche Verfaſſung, er verhält ſich zum Staate als Mechaniker, der ſich den Staat als einen vollendeten Mechanismus vorſtellt. Bei Hobbes faßt der Staat das ganze menſch⸗ liche Gemeinweſen in ſich, er iſt eine politiſche Inſtitution, der status naturalis iſt atomiſtiſch, jeder Menſch iſt hier vollſtändig ein Atom, das nur für ſich exiſtiert und nur für ſich ſelbſt ſorgt.

Den geſetzmäßigen Staat, die Staatsmaſchine, vermochte Hobbes nicht aus der Natur zu deduzieren, er war zu ſehr befangen in der Idee, den Aufruhr in ſeiner Wurzel zu vernichten und um dies zu bewerkſtelligen, mußte er abſolut die Menſchen aller Naturrechte berauben und

¹) Vgl. K. Fiſcher, Francis Bacon und ſeine Nachfolger, p. 531 f.

²) Cf. Rousseau, Contr. soc. I, IV:Renoncer à sa liberté, c'est renoncer d sa qualité d'homme, aux droits de l'humanité, même d ses devoirs. Il n'y a nul dédommagement possibte pour quiconque renonce a tout. Une telle renonciation est incompatible avec la nature de l'homme èet c'est ôter toute moralité à ses actions que d'ôter toute liberté a sa volonté'. . ³) Vgl. K. Fiſcher p. 436/37.

¹) Cf. Lev. XXVI p. 198 u. 202.