Aufsatz 
Die Staatstheorie von Hobbes und Spinoza nach ihren Schriften "Leviathan" und "tractatus politicus" verglichen / von Karl Gaul
Entstehung
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giebt ſie es allen, ſo kehrt der status naturalis zurück und der Staat hat ſich ſelbſt zerſtört:.) Ahnlich iſt auch Hobbes Anſicht. 3

6) Es iſt Sache der höchſten Staatsgewalt, den religiöſen Kultus zu beemmene) Der Souverain iſt daher die höchſte geiſtliche Gewalt im Staate, alle übrigen Geiſtlichen ſin von ihm eingeſetzt, ſie ſind nur ſeine Diener. Dem König gehört ſowohl dasius sacrum als auch dasius civile. ³)

Dieſe Punkte mögen genügen, um zu zeigen, wie ſich die Anſichten beider Philoſophen in ſehr mannigfacher Beziehung decken. Es giebt außerdem noch eine ganze Reihe andrer Punkte, auf welche hinzuweiſen ich weiter unten noch Gelegenheit nehmen werde.

§ 4. Um die Frage der Entſtehung eines Staates in genügender Weiſe beantworten zu können, iſt es vor allen Dingen nötig, die Hauptgrundſätze beider Philoſophen in Betreff des natürlichen Rechtes kennen zu lernen und ferner ihre Anſichten über den Naturzuſtand einander gegenüberzuſtellen. Hobbes handelt hierüber Kap. XIV, XV und XVII ſeines Lev., Spinoza im 2. Kapitel des Tract. polit.

Beginnen wir mit Spinoza. Um den Begriffius naturae feſtzuſtellen, behauptet er(II, 2), daß die Macht der Naturdinge, vermittelſt der ſie exiſtieren und wirken, d. h. der aktive und paſſive Zuſtand derſelben, keine andre Macht ſein könne, als die ewige Macht Gottes. Gott hat nun ein Recht auf alles(II, 3); das Recht Gottes iſt aber nichts anderes als die Macht Gottes, und daraus folgert er nun, daß jedes Naturding von Natur ſo viel Recht habe, als es Macht beſitze. Hieraus ergiebt ſich nun die Definition von Naturrecht, als welches Spinozaipsas naturae leges, seu regulas, secundum quas omnia fiunt, hoc est ipsas naturae potentiam anſieht.)

Halten wir dieſer Definition die von Hobbes(XIV p. 102) gegenüber: Dasius naturale iſt nach ihm die Freiheit, die jeder einzelne hat, ſeine Macht zur Erhaltung ſeiner Natur nach ſeinem Belieben zu gebrauchen. Nun macht er jedoch einen Unterſchied zwiſchen Naturrecht und Naturgeſetz: Dielex naturalis iſt eine allgemeine Regel oder Vorſchrift, nach welcher jeder das, was ihm zu ſeinem Schaden zu gereichen ſcheint, verhindern darf. Er unterſcheidet ſtreng zwiſchenius« undlex.(Consistit ius in faciendi, vel non faciendi libertate, lex ad faciendum obligat.)5) Das natürliche Geſetz iſt daher bei beiden das feſte, unabänderliche Geſetz, wonach jeder nach Vorſchrift ſeiner Vernunft handelt.

§ 5. Wenn, ſagt Spinoza(II, 5) weiter, die menſchliche Natur derart beſchaffen wäre, daß die Menſchen allein nach Vorſchrift der Vernunft leben könnten, ſo würde ſich das Recht der Natur auch allein nach der Macht der Vernunſt beſtimmen. Aber es liegt im Charakter jedes Menſchen, mehr den blinden Begierden, den Leidenſchaften zu folgen; niemand hat es daher in ſeiner Macht, die Vernunft jederzeit anzuwenden und ſo auf dem höchſten Punkt der Freiheit zu ſtehen.)(II, 8). Da nun jeder Menſch den Affekten unterworfen iſt, der eine dieſen, der andere jenen, ſo müſſen ſie ſich notwendigerweiſe gegenſeitig im Wege ſtehen; einer hindert den andern daran, ſeine Freiheit anzuwenden und daraus muß natürlich folgen, daß jeder ſo viel als möglich darnach ſtrebt, ſich den andern gegenüber möglichſt hervorzuthun und

¹) Tract. pol. III, 3. ²) Tract. pol. III, 10; Lev. XXXI p. 262. 3

77 T) Cf. Spinoza's Tract. theologicopolitieus, XIX p. 413. Ebenſo vgl. Lechler, Geſch. des engl. Deismus, p..

9 Vgl. Rousseau, Comrrat social, I, Chap. IV: Puisqu aucum homme n' a une autorité naturelle sur son semblable et puisque la foree ne produit aucun droit, restent donc les conventions pour base de toute autorité légitime parmi les hommes.

.») Dieſer von Hobbes gemachte Unterſchied exiſtiert freilich ſowohl im Deutſchen wie im Lateiniſchen; im weiteren Sinne wird jedoch ius bei den beſten Schriftſtellern collektiv für leges gebraucht.

) Es iſt hierbei zu bemerken, daß Spinoza, wie aus I, 4 hervorge t, die menſchl. Affekte, wie Liebe, Haß, Zorn, Neid u. ſ. w. nicht als Fehler der menſchlichen Natur, ſondern als Adentümüächkeiten(proprietates) betrachtet, die ſo zu ihr gehören, wie Hitze, Kälte, Donner u. ſ. w. zu der Natur der Luft.