Aufsatz 
Ein Beitrag zur Förderung des Turnunterrichtes an der Großherzogl. Realschule, den Stadtschulen und Privatschulen zu Alzey
Entstehung
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den Betrieb des Turnens kennen zu lernen, und die Fähigkeit zur Leitung leichter Freiübungen und Turn⸗ ſpiele zu erlangen. Was den Apparat betrifft und deſſen Koſten, ſo iſt dieſer für die Volksſchule gering. Die Uebungen können in der einfachſten Form gehalten werden, beſonders die Frei⸗ und Ordnungsübungen. Platz für den Sommer findet ſich überall, für den Winter wahrſcheinlich vorerſt nur in Ardgeren Ort⸗ ſchaften. Fällt der Turnunterricht in die Zahl der gewöhnlichen Stunden, ſo iſt dafür keine Vergütung zu beanſpruchen, anderenſalls muß eine Vergütung ſtattfinden, welche die zur Unterſtützung der Schule Verpflichteten zu bezahlen haben. Deßhalb ſoll von Oſtern 1871 an überall das Turnen eingeführt wer⸗ den, nur da, wo die Lehrer zu alt, oder wegen körperlicher Eigenſchaften ganz ungeeignet ſind, kann vor⸗ erſt davon abgeſehen werden. Vom 10. Jahre an ſoll Jeder turnen.

So ſchließt der Erlaß, und iſt dazu noch zu bemerken, daß auch in Heſſen Turncurſe eingeführt ſind, die den Lehrern behülflich ſind, die Ertheilung des Turnunterrichtes zu erlernen, und daß an den höheren Schulen überall die obere Behörde ſelbſt helfend eintritt, indem den betreffenden Turnlehrern Renumera⸗ tionen aus der Staatscaſſe gewährt werden. Daß dieſe aber bewilligt werden, zeigt, wie auch unſere Abgeordneten ſchon lange die Wichtigkeit des Turnunterrichtes eingeſehen haben. Natürlich kann eine Ge⸗ meinde einem Lehrer nicht zumuthen, über ſeine Stundenzahl hinaus noch weitere Turnſtunden unent⸗ geldlich zu ertheilen, zumal die Bezahlung der meiſten Lehrer auf dem Lande immer noch eine ſehr ge⸗ ringe iſt, trotzdem die Geſetzgebung ihnen theilweiſe geholfen hat. Vielfach kann es alſo nur an den betreffenden Gemeinden liegen, denen jede Ausgabe, die ihrer Anſicht nach unnöthig iſt, ſehr ſchwer fällt. Möchten deßhalb dieſe vor allen Dingen einſehen, wie wichtig der Turnunterricht für jede, auch die Volksſchule iſt; möchten ſie ſich auch ein Beiſpiel an anderen Orten nehmen, wo beſſere Ideen durch⸗ gedrungen ſind, und das Turnen lebhafte Unterſtützung und Förderung findet.

Allerdings ſind wir hier in Alzey etwas beſſer daran, als die Schulen auf dem Lande. An unſerer Realſchule iſt der Turru terricht obligatoriſch eingeführt, und wenn auch noch nicht die einzelnen Claſſen ganz getrennt unterrichit werden können, ſo werden doch die 6 Claſſen jetzt in 4 Abtheilungen, jede wöchentlich in 2 Stunden, unterrichtet, ſo daß die Altersſtufen, die zuſammen unterrichtet werden, nicht zu weit von einander entfernt ſind, und würde dies einſtweilen auch genügen. An der Volksſchule iſt der Turnunterricht;war noch nicht obligatoriſch eingeſührt, doch findet auch hier Turnunterricht Statt, allerdings nur nach freiem Willen der betreffenden Schüler. Dieſe Art des Unterrichtes entſpricht aber keineswegs den Forderungen, die geſtellt werden müſſen, und die oben genauer entwickelt worden ſind; denn vor Allem muß der Turnunterricht für alle Schüler und wo möglich auch Schülerinnen vom 8. oder doch mindſtens vom 10. Jahre an obligatoriſch ſein, und müſſen dieſelben, nach Claſſen getrennt, in wöchentlich wenigſtens je 2 Stunden unterrichtet werden.

Ein ſehr fühlbarer Mangel aber iſt auch noch an der Realſchule hier, dies iſt der Mangel eines Locales zum Turnen für den Winter, ein Turnhaus. Wie wichtig es iſt, daß auch im Winter der Turnunterricht fortgeſetzt werde, iſt ſchon vielfach berührt und als beſtimmte Forderung immer gel⸗ tend gemacht worden. Wenn der Leibesunterricht ſeinen erzieheriſchen und bildenden Einfluß in vollem Maße ausüben ſoll, darf er im Winter nicht unterbrochen werden; in dieſer Zeit, in der die Jugend weniger Gelegenheit zu freier, körperlicher Bewegung hat, iſt der Turnunterricht gewiß ein wichtiges Moment im Schulleben. Natürlich koſtet die Einrichtung dieſer Turnräume, die gut gedeckt und ge⸗ ſchloſſen ſein müſſen, um gegen Näſſe und Kälte zu ſchützen, mehr pecuniäre Opfer, als ein Turnplatz. Jeder Freund der Jugend und ihrer Bildung wird aber ſagen, daß, was auch für die körperliche Bildung gethan wird, nicht nur dem Einzelnen, ſondern auch der Gemeinde und dem Staate in mehrfacher Beziehung zu Gute kommt, und daher die Opfer nicht zu groß ſind, denn die Wohlfahrt eines Volkes beruht nicht nur auf ſeiner geiſtigen, ſondern auch auf ſeiner leiblichen Bildung.

Wir ſtörend der Mangel einer Turnhalle für den Turnunterricht iſt, da dann nicht nur während der Wintermonate, ſondern auch bei ſchlechtem Wetter der Unterricht ausgeſetzt werden muß, habe ich ſelbſt genugſam erfahren. Glaubt man im Laufe des Sommers irgend welchen Erfolg erzielt und die Schüler zu gewiſſen Fertigkeiten gebracht zu haben, ſo folgt eine Unterbrechung im Unterrichte von 7 8 Monaten, nach deren Ablauf das früher Gelernte und Geübte wieder von Neuem geübt und er⸗ lernt werden muß, ſo daß der Lehrer während der kurzen Zeit des Unterrichtes jedes Jahr von Neuem dieſelbe Arbeit zu beginnen hat, eine wahre Siſyphus⸗Arbeit, da ein dauernder Erfolg der Bemühungen