Aufsatz 
Ein Beitrag zur Förderung des Turnunterrichtes an der Großherzogl. Realschule, den Stadtschulen und Privatschulen zu Alzey
Entstehung
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Wie immer ſtädtiſche Einrichtungen auf das Land zurückwirken, ſo werden gewiß auch in den Dörfern mit der Zeit für die der Schule entwachſene Jugend ſich Vereine zur Pflege turneriſcher Uebungen bilden. Auf dem Lande können die Turnplätze der Jugend auch immer zugleich die der Erwachſenen ſein, was beſonders in Betreff der Koſten von Bedeutung iſt. Ebenſo werden die Schulmeiſter gern mit Rath und That ſolche Vereine unterſtützen. Von dieſen öffentlichen Turnplätzen aus wird auch An⸗ regung und Möglichkeit gegeben werden, unſere Volksfeſte zu verjüngen, zu verſchönern. Wettſpiele und Wettkämpfe aller Art haben da ihre Vorbildung, rüſtige Volkskraft ihre Pflege.

Werden dieſe Turnvereine in richtiger Weiſe gehandhabt, ſo können ſie auch noch in ſpäterem Alter, nach Ableiſtung der allgemeinen Dienſtpflicht im ſtehenden Heere, für die Wehrhaftigkeit des Volkes eine Stütze bilden. Solche, die ihre militäriſche Dienſtzeit beendet, könnten ihre Uebungen hier weiter treiben, ihren Körper immer gewandt und bereit halten, und dies würde die Kraft unſerer Landwehr und unſeres Landſturmes in dringenden Fällen, wo es gilt, das Vaterland zu vertheidigen, erhöhen, ſie immer kriegsüchtiger, bereiter und gewandter machen und vor Allem geſund erhalten. Dies könnte wohl mit eine Aufgabe der jetzt überall entſtandenen Kriegervereine ſein, die ſich am Beſten mit den Turn⸗ vereinen, wo ſolche beſtehen, vereinigen würden.

Sind nun die Leibesübungen von ſo deoßem Vortheile, ſo müſſen wir uns fragen, woher es kommt, daß für die Verbreitung und Einführung des Turnunterrichtes im Allgemeinen noch ſo wenig geſchehen iſt. Vielfach ſind daran noch Vorurtheile Schuld. Manchen wiſſen gar nicht, was eigentlich Turnen iſt, ſie halten gewagte, halsbrechende Kunſtſtücke für Turnen und ſind deßhalb dagegen, oder ſie glauben, wie vielfach auf dem Lande, ihre Kinder hätten Bewegung genug und brauchten keine andere. Es iſt nun vor allen Dingen Sache des Staates⸗ und der Brtsbehörden, daran zu denken, daß das Turnen ein beſtimmt geforderter Theil der ganzen Volkserziehung werden muß, daß auch der anderen Hälfte des Menſchen Fürſorge zuzuwenden iſt, nicht blos der geiſtigen, ebenſo müſſen die, welchen den Geiſt bilden wollen, bedenken, wie viel mit geordneter leiblicher Erziehung gewonnen wird. Der Menſch iſt darauf angewieſen, ſich in Allem auszubilden, und darauf beruht auch Glück und Segen im Leben, beim Einzel⸗ nen, wie beim ganzeu Volke. Vieler Kräfte bedarf der einzelne Menſch, um den Anforderungen an ſich ſelbſt Genüge zu leiſten und ſeinem Staate ein nützlicher Bürger zu ſein, und glücklich iſt der Einzelne, ber ſn 19 an Kräften aller Art weiß, mächtig ein Volk, das ſich in jeder Art von Ausbildung

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Wenn aber nun auch in neueſter Zeit gerade die höheren Behörden das Turnen unterſtützen, wie auch hier in Heſſen, ſo ſcheint es um ſo ſchwieriger Eingang auf dem Lande zu finden, die Gemeinde⸗ behörden bekümmern ſich vielfach gar nicht, oder nur wenig darum, nicht einmal in der Provinz Rhein⸗ heſſen, die ſich doch ſonſt ſtets ihres Fortſchrittes rühmet.

Bleiben wir in der nächſten Nähe! Im ganzen Kreiſe Alzey befindet ſich wohl kaum irgend eine Gemeinde, in deren Schule der Turnunterricht betrieben wird. Vielfach wird freilich hervorgehoben, es ſei zu ſchwierig, Lehrer für den Turnunterricht zu bekommen, oder die Koſten für Anſchaffung von Ge⸗ räthen u. ſ. w. ſeien zu bedeutend. Was den erſten Einwand betrifft, ſo wird dieſer wohl kaum ſtich⸗ haltig ſein, beſonders da ja in Heſſen in den Seminarien Turnunterricht ertheilt wird. Es wird alſo den Lehrern nicht an Gelegenheit gefehlt haben, oder doch den jüngeren beſonders nicht fehlen, ſich über den Turnunterricht zu unterrichten. Außerdem wird jeder, der Luſt und Neigung dazu in ſich ſpürt,

nach den vorhandenen Leitfaden, von denen in Heſſen wohl der von Marx, der ſich eng an das Syiepſche Syſtem eanſchließt, ſich am beſten eignen wird(wenn es nicht einer vorzieht, Spieß Turnbuch für Schulen ſelbſt zu ſtudiren), leicht den erſten Turnunterricht ertheilen können; weitere Erfahrungen und Beſprech⸗ ungen mit anderen Lehrern werden ihn dann weiter bringen und immer mehr befähigen, erſprießlichen Turnunterricht zu ertheilen. Ebenſo iſt es mit den ſinanziellen Gründen gegen den Turnunterricht. Oben iſt ſchon gezeigt worden, daß die Einrichtungen nicht zu prachtvoll zu ſein brauchen, daß jede Gemeinde ſich nach ihren Mitteln richten und doch leicht die unbedingt nöthigen Geräthe und den betreffenden Platz ſtellen kann, zumal jetzt wohl kaum noch eine Schule ohne Spielplatz angelegt werden wird. Dieſe an⸗ geblichen Schwierigkeiten widerlegt auch der früher angeführte Erkaß aus Caſſel, deſſen Schluß lautet:

Als anderes Hinderniß wird oft angeführt der Mangel an Lehrern. Dieſes iſt jetzt theilweiſe ver⸗ mindert, da überall Turncurſe eingeführt ſind. Sonſt iſt der Leitfaden genügend, die Bedeutung und