Aufsatz 
Ein Beitrag zur Förderung des Turnunterrichtes an der Großherzogl. Realschule, den Stadtschulen und Privatschulen zu Alzey
Entstehung
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erzogen werden, ſo würde er um ſeine ganze turneriſche Jugendluſt kommen. Da man dies nun nicht perlangen und auch nicht erreichen kann, ſo bewirkt man auf dem Turnplatze nur einen Schein militäri⸗ ſcher Bildung und verkehrt den Ernſt im Spiel. Dies beſtätigt das ſchweizeriſche Cadettenweſen. Da kommt der junge Mann halb militäriſch vorgebildet, aber ohne nöthige Straffheit, in das Militär hinein, er bietet nicht mehr eine tabula rasa, auf die Alles geſtellt werden kann, was der Raum erlaubt, ſondern da wächſt ſchon eine Maſſe Unkraut, das erſt fortgenommen werden muß. Dies fühlt der Officier ſehr wohl; der junge Mann, der vorgedrillt iſt, iſt unbequem, er glaubt Vieles beſſer zu wiſſen, und daher wird ein ſolcher Turner ein unbequemer Soldat; daraus entſpringt dann in vielen Fällen die Abneigung der Ofſiciere gegen das Turnen. Die allgemeinen Erfolge des Turnens erkennt jeder Slia gern an, weil jeder ſie gebrauchen kann, er will nur nicht, daß ihm die Arbeit ſchwer gemacht wird..* 1

Sonach wird es ſich nicht empfehlen, militäriſches Turnen und Exercitium in den Schulen einzu⸗ führen, ſondern es wird beſſer ſein, bei dem Spieß'ſchen Syſteme zu bleiben. Dieſes iſt auch ſo reich⸗ haltig, daß einer, der tüchtig turneriſch vorgebildet iſt, wie ſchon früher erwähnt, ſich leicht und raſch in das militäriſche Commando und Exercitium finden wird.

Soll das Turnen aber wahrhaft ſegensreich wirken, ſo darf es nicht mit dem Verlaſſen der Schule aufhören, da ſonſt viele Vortheile, die mühſelig errungen worden ſind, wieder leicht verloren gehen können. Denken wir nur an einen Knaben vom Lande, der vom 14. bis 20. Jahre, dem Eintritte in's Heer, nicht mehr turnt und einſeitige körperliche Beſchäftigung hat, wie leicht verliert er ſeine Gewandtheit und wird wieder ſteif. Hier haben nun die Turnvereine einzutreten. Beſonders trifft dies die aus den Volksſchulen im 14. Jahre austretenden Schüler, da die Schüler der höheren Lehranſtalten meiſt bis zum Antritte des Einjährigendienſtes der Anſtalt angehören. Deßhalb ſollen dieſe Schüler bis zu der Zeit, in welcher ſie ins Militär eintreten, Fühlung mit der Turnkunſt behalten. Dieſe kann aber nur gefunden werden in den Turnvereinen, darum wäre es gut, wenn ſich auch die deutſche Lehrerſchaft an den Turn⸗ vereinen betheiligte. Allerdings iſt das etwas ſchwierig; auf der einen Seite herrſcht gewöhnlich etwas Vornehmheit; man ſcheut es, ſich in dieſe Schichten herabzulaſſen; andererſeits beſteht aber auch eine gewiſſe Abneigung, den Schulmeiſter unter ſich zu haben. Dies darf aber nicht abhalten, nnd gewiß wird der Erfolg ein guter ſein...

Sehen wir auch hier, was Spieß will. Er verlangt, daß der Staat ſelbſt auch die Turnvereine in die Hand nehmen ſoll, daß öffentliche Turnanſtalten errichtet werden, um mehr und mehr den Geiſt des Turnens zu heben. Er ſagt darüber:Wenn das Turnen mit dem ganzen Schulleben unſerer Jugend aufwächſt und 843. ſzogen wird, dann müſſen Anſtalten für ein reiferes Alter da ſein, in denen das in der Sch ernte fortgeübt werden kann. Jetzt ſind freilich in Orten, wo öffentliche Turnplätze ſind, nur kleine auserleſene Schaaren von Männern und Jünglingen, größtentheils deßhalb, weil die Anderen ſich für zu ungeſchickt halten; dies wird aber allmählig aufhören, ſie werden immer mehr Zuwachs bekommen. Dann werden auch die nicht ſehlen, die nur durch das Beiſpiel allgemeiner Sitte vom Strome mitgenommen werden, und auch die nicht, die, ſo lange das Turnen keine Sache ffenliher Anerkennung war, keine Ehre dabei zu finden glaubten, und ſich deßhalb ausſchloſſen. Dieſe öffentlichen Turnplätze ſollen zugleich auch die Orte ſein, wo die Turnkunſt nach ihren Geſetzen von Liebhabern und eigentlichen Kunſtfertigen ausgeübt und ausgebildet wird, zum Nutzen und Heile des Volkes und Vaterlandes. Es werden kleinere und größere Turngeſellſchaften zuſammentreten, welche die ver⸗ ſchiedenen Turnfertigkeiten und Leibeskünſte, entweder in abwechſelnder Reihe üben, oder nur einzelne vor⸗ zugsweiſe ausbilden. Hier werden auch die Lehrer der Schüler, in Geſellſchaft Erwachſener ihre eigene Uebung und Fortbildung befördern können, und werden auch in anderer Hinſicht dieſe Vereine der Er⸗ wachſenen eine wohlthuende Rückwir auf die Schulen äußern. Auch hier ſind natürlich Turnplätze und Turnhäuſer nöthig. An kleineren Orten laſſen ſich dazu leicht die der Schuljugend benutzen, in Stunden, in denen dieſe nicht turnt, oder es können der Schuljugend die öffentlichen Turnplätze einge⸗ räumt werden. Die Vorſteher dieſer Anſtalten werden durch Beiträge bezahlt, am Beſten würden aber die Gemeindebehörden oder auch Staatsbehörden, je nach Umſtänden, dieſe Anſtalten ſelbſt gründen und überhaupt unter ihren Schutz und Aufſicht nehmen. Bei tüchtigen Turnmeiſtern, die natürlich geprüft ſein müſſen, könnten dieſe Anſtalten zugleich Lehr⸗ und Vorbereitungsplätze für Turnlehrer ſein.