Aufsatz 
Ein Beitrag zur Förderung des Turnunterrichtes an der Großherzogl. Realschule, den Stadtschulen und Privatschulen zu Alzey
Entstehung
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Es wird nun keinem Zweifel mehr unterliegen, wie wichtig das Turnen für höhere Schulen, wie

für Volksſchulen iſt, und in welcher Art es betrieben werden ſoll; ebenſo wird wohl die Mehrheit der

Turnlehrer damit einverſtanden ſein, daß für das Schulturnen, wie in der Volksſchule, ſo auch in den höheren Schulen das Spieß'ſche Syſtem das geeignetſte iſt, nur daß daſſelbe in den höheren Schulen weit ausgedehnter und mannigfaltiger betrieben werden kann. Man hat freilich in neuerer Zeit vielfach verlangt, daß man das Turnen in der Schule mehr dem Turnen des Militärs anpaſſen ſollte, daß alle militäriſchen Turnübungen, mit Ausnahme der eigentlichen Kriegsübungen, in das Schulturnen aufge⸗ nommen werden ſollten, daß die Knaben mit derſelben Strammheit ſtehen, marſchiren, laufen, überhaupt den Anordnungen des Lehrers folgen ſollten, wie ſie es ſpäter als Soldaten beim Heere thun müßten. Man hat dafür beſonders das Utilitätsprincip geltend gemacht, indem man ſagte, daß dadurch beſonders die Landbevölkerung leichter für das Turnen gewonnen werde, wenn ſie ſehe, daß ſolche Sachen betrieben würden, die auch beim Militär geübt würden. Dies Princip ſcheint aber durchaus nicht achenglnd ſein zu dürfen. Die Schule hat nicht den Zweck, für einen einzelnen Beruf ſpeciell vorzubilden, ſie muß den jungen Mann für alle Beziehungen des Lebens ausbilden. Wie aber in anderen Lehrfächern dieſer Grundſatz gilt, ſo muß er auch für das Turnen gelten, das zunächſt auch ein Mittel der Erziehung iſt. Es ſoll nicht blos einer einſeitigen Vorbereitung zum Militär dienen, gerade ſo wenig, wie andere Fächer für einen beſtimmten Beruf vorbilden ſollen; das Turnen iſt ſich ſelbſt Zweck. Wie durch andere Fächer, ſo ſollen auch durch das Turnen Menſchen erzogen werden, und dieſe Menſchen ſind zwar ſpäter mitunter Soldaten, aber es darf das Turnen nicht veranlaſſen, nur Soldaten zu erziehen, die bisweilen auch Menſchen ſind. Einſeitige Ausbildung und Vorbildung darin taugt nichts. So ſagte auch Schmeling, ein Officier, in ſeiner 1819 erſchienenen Schrift:Die Landwehr, gegründet auf die Turnkunſt:diß die Beziehung des Turnens zur Wehrtüchtigkeit mehr innerlich vertieft ſei: der Staat brauche Aerzte, Geiſtliche u. ſ. w., diejenigen würden aber nicht immer die beſten Beamten ſein, die von Jugend auf nichts Anderes vorgeſchwätzt bekommen hätten, als was ſie allein für ihren beſonderen Beruf brauchten. Will man das Turnen ganz militäriſch betreiben, ſo könnte man gerade ſo gut verlangen, den Geſchichtsunterricht militäriſch zu ertheilen, ebenſo den Zeichenunterricht u. ſ. w., es müßte dann ſchließlich der Unterricht unſerer Gymnaſien ſo modificirt werden, daß ſie Cadettenhäuſer würden. Die militäriſche Seite des Lebens iſt aber nicht die Hauptſache; der Krieg iſt nichts Normales und ſoll nicht die größere Zeit unſeres Lebens in Anſpruch nehmen. Cs iſt ein nothwendiges Uebel, das man ein⸗ ſchränken ſoll, wie irgend möglich, und es iſt beſſer, im Menſchen die Richtungen wachzurufen, die ihn zu einem tüchtigen Bürger im Frieden machen, als ihn für das Soldatenleben zu ſtimmen. Viel wichtiger und nothwendiger iſt es, auch für die ruhige Arbeit des Friedens, auch für die bürgerliche Thätigkeit den Menſchen turneriſch auszubilden; denn das Friedensverhältniß ſoll das normale ſein, es macht uns zu dem, was wir ſind, die kriegeriſchen Verhältniſſe ſind Ausnahmsverhältniſſe.

Außerdem hat das preußiſche Commando etwas gegen ſich, weßhalb es nicht gut ſein dürfte, daſſelbe in die Schulen einzuführen. Es kommt dabei vor Allem auf prägnante Kürze an; es iſt aber ganz gleich, ob ein militäriſches Commando rein mechaniſch aufgenommen wird; das Commando ſelbſt drückt eigentlich gar nichts aus, der Soldat lernt nur, was kommt, und das iſt etwas Mechaniſches. So führen oft die polniſchen Soldaten den Befehl aus, ohne die Worte zu verſtehen. Dies darf aber nicht auf dem Turnplatze der Fall ſein, wa erzogeu werden ſoll; wir dürfen von dem Knaben nichts fordern, was er nicht verſteht; deßhalb muß auch bon in der Ankündigung des Befehles etwas liegen, das ſagt, was er herbeiführen will. In gleicher Weiſe iſt Alles aus dem erziehlichen Turnen zu verbannen, was unmittelbar auf die militäriſche Ausbildung hinzielt, auch das ſogenannte militäriſche Exercitium ſelbſt. Dies iſt ſogar die Anſicht von vielen Officieren. Sie unterſchätzen im Allgemeinen die turneriſche Ausbildung nicht, das ſpeciell turneriſche Vorbilden für das Militär ſehen ſie aber im Allgemeinen nicht gern, und zwar deßhalb, weil das, was in dieſer Beziehung geboten werden kann, nicht ausreicht, weil es etwas Halbes iſt, weil es wenig über ein Spiel hinausgeht. Will man auf dem Turnplatze militäriſch exerciren laſſen, ſo wird man doch niemals diejenige Straffheit, die exacte Ausführung hervorbringen können, die auf dem Exercirplatz beim Soldaten nothwendig iſt. Es wäre geradezu ein phyſiologiſches Verbrechen, wenn man von dem Knaben verlangen wollte, daß er ſo lang ſtramm ſtehen ſoll, wie man das von einem erwachſenen Menſchen verlangen kann; ſollte aber ein Knabe mit militäriſcher Strenge