— 34—
derſelben. Anders iſt es in höheren Schulen, Realſchulen und Gymnaſien, wo im Unterrichte die beſon⸗ dere Rückſicht auf die Fächer hervortrut, die Lehrer nur in einzelnen Fächern unterrichten. Hier werden ſich die Lehrer beſonders geſchickt für dieſe entwickeltere Stufe des Turnens auszubilden und auszuweiſen haben, um den Unterricht in dieſem Fache zu übernehmen. Gut und zweckmäßig iſt es, wenn mehrere Lehrer ſich theilen, namentlich bei Schulen, welche viele und zahlreich beſuchte Claſſen haben. Es kann dann auch bei Vereinigung mehrerer Schulclaſſen zum Turnen die Aufſicht beſſer vertheilt werden, oder bei zu großen Claſſen, namentlich des jüngeren Alters, wo ein Lehrer allein die zu große Schülerzahl nicht leiten kann, können mehrere gleichzeitig die nothwendigen Abtheilungen unterrichten. Ein Lehrer kann allein an großen Anſtalten das Turnen nicht übernehmen, es iſt beſſer, daß auch Lehrer anderer Fächer einen Theil des Turnunterrichtes übernehmen, wie es auch gut iſt, daß der, welcher vorzugs⸗ weiſe für dieſes Fach beſtellt iſt, noch ein anderes Lehrfach unterrichte.
. Wie in anderen Lehrfächern von Altersſtufe zu Altersſtufe eine umfaſſendere und wiſſenſchaftlichere Ausbildung ſtattfinden muß, ſo auch im Turnen. Der Turnlehrer muß deßhalb gründliche Einſicht in die Turnkunſt beſitzen und ſelbſt tüchtige Uebung und Fertigkeit haben.
Das Turnen erfordert beſondere Räume und Plätze, wo daſſelbe unausgeſetzt das ganze Jahr betrieben werden muß, deßhalb iſt auch ein gedecktes Turnhaus nöthig. Am beſten iſt Turnhaus und Platz mit der Schule verbunden, oder doch in der Umgebung derſelben, damit die Turnſtunden mit an⸗
deren Unterrichtsſtunden abwechſeln können. In kleineren Städten iſt es eher möglich, daß der Turnplatz außerhalb iſt, als in größeren. Wo möglich ſoll jede Schule ihr Turnhaus und ihren Turnplatz haben.
Jede Claſſe ſollte, getrennt von der anderen, täglich eine Turnſtunde haben. Zum Spiel können auch mehrere Claſſen vereinigt werden, aber in der Regel ſoll jede Claſſe für ſich turnen. Eine allzu⸗ große Schülerzahl zugleich zu unterrichten, iſt unter allen Umſtänden mißlich, beim Turnen ſogar un⸗ möglich. Der Lehrer überſieht zuletzt die Einzelnen nicht mehr, dieſe wieder verlieren ſich ſelbſt in der Menge, und dabei kann für den Zweck nichts Erſprießliches geleiſtet werden. Iſt eine Claſſe zu groß, ſo trennt man ſie beſſer nach dem Alter in zwei oder mehr Abtheilungen.
Damit es nicht an paſſenden Lehrern für den Turnunterricht fehle, ſollten vor Allem mit Univer⸗ ſitäten und Seminarien Turnlehreranſtalten verbunden werden. Sind mit der Zeit alle unſere Lehrer während der Schulzeit mit der Turnkunſt vertraut geworden, ſo iſt ſicher darauf zu rechnen, daß die⸗ ſelben während der Zeit auf Univerſitäten und Seminarien völlig in Stand geſetzt werden, das Turnen mit Erfolg zu lehren..
Natürlich müſſen alle Schüler am Unterrichte Theil nehmen, nur leibliche Gebrechen oder Krank⸗ heiten können auf Zeugniß des Arztes hin dispenſiren. Manche Uebungen ſind aber ſelbſt für viele Ver⸗ krüppelte von Vortheil.
3 Dies ſind die Forderungen von Spieß für das Turnen in der Schule. An den höheren Schulen iſt das Turnen wohl jetzt ſo ziemlich allgemein und obligatoriſch eingeführt, ſchlimmer iſt es
aber noch mit den Volks ſchulen beſtellt, für die der Turnunterricht doch wohl gerade ſo wichtg ſein
dürfte, wie für die höheren Schulen, und iſt die Nothwendigkeit deſſelben auch in den Volksſchulen ſchon früher hervorgehoben worden. Die letzte deutſche Turnlehrerverſammlung hat ſich auch mit dieſer Frage beſchäftigt und ihre Anſichten über das Minimum der turneriſchen Ausbildung in der Volksſchule und die dafür erforderlichen Lehrmittel ausgeſprochen. Allgemein machte ſich die Anſicht geltend, daß der
Turnunterricht als ein obligatoriſcher Unterrichtszweig für die Volksſchule gefordert werden müſſe. Aller⸗
dings hatte das Turnen nicht von Anfang an eine directe Richtung auf die Volksſchule genommen, viel⸗
mehr war der Turnunterricht lange Zeit das Privilegium nur der höheren Stände und der höheren
Schulen. Selbſt in der Jahn’'ſchen Turnperiode mit ihrer volksthümlichen Richtung war doch das eigent⸗
liche Volk, die Kinder der Bauern, Handwerker und kleinen Bürger, welche die Volksſchule vorzugsweiſe
bevölkern, noch von der Turnanſtalt ausgeſchloſſen, denn auf dem großen Turnplatze auf der Haſenheide bildeten Profeſſoren, Officiere, Studenten, Seminariſten und Schüler der Gymnaſien das Hauptcontingent der Turngeſellſchaft. Auch die Verordnungen wegen allgemeiner Einführung des Turnens in den Schulen bezogen ſich bis auf die neueſte Zeit immer nur auf Gymnaſien, Seminarien, Realſchulen und höhere Bürgerſchulen. Sonach iſt das Turnen erſt ſeit etwa einem Jahrzehnt zu einer Wohlthat für die ganze Nation geworden, ſeitdem es ſeine Wege immer allgemeiner in die Volksſchule gefunden hat und noch


