dem Lehrer:„Ich will lieber auch mitturnen, als da immer allein zuſchauen.“ In der Zeit der Ent⸗ wickelung der Mädchen läßt der Lehrer beſſer eine Uebertreibung zu, ſtatt durch Fragen vielleicht in Ver⸗ legenheit zu bringen, denn die höchſte Zierde des Weibes, das feine Zartgefühl in Beziehung auf Sitte und Anſtand, muß in der Erziehung, wie ein Heiligthum bewahrt werden, und auch der Turnlehrer iſt berufen, auf den inwendigen Menſchen in moraliſcher und äſthetiſcher Beziehung einzuwirken, einerſeits dadurch, daß er den Kindern Alles unterſagt, was auch nur von ferne gegen gute Sitten und Anſtand verſtoßen könnte, andererſeits dadurch, daß er den Sinn für das Schöne und Wohlgefällige mehr und mehr weckt und wach erhält. Aber auch in ſolchem Falle iſt es gut, wenn die betreffende Schülerin den Turnſtunden wenigſtens beiwohnt, damit ſie den Verlauf der vorkommenden Uebungen doch wenigſtens durch die Anſchauung kennen lernt. Natürlich dürfen die Turnübungen der Mädchen nie ſo weit ge⸗ trieben werden, daß die Mädchen erſchöpſt werden, wenn auch tüchtige Anſtrengung ihnen nichts ſchadet. Blutarme Kinder dürfen durchaus nicht angeſtrengt werden, auch ſchlecht genährten Kindern wird das Turnen nicht beſonders zuſagen. Der Organismus will eben erſt ſeinen vollſtändigen Unterhalt, ehe er ſich ungeſtraft wieder Stoffe entziehen läßt. Das Leiſtungsvermögen der Mädchen iſt zwar ſehr groß, doch muß es ſeine Begrenzung finden.
Haben wir nun geſehen, wie wichtig das Turnen für Knaben und Mädchen iſt, ſo knüpft ſich an das zuletzt über das Mädchenturnen Geſagte von ſelbſt die Frage an, in welcher Weiſe in der Schule das Turnen betrieben werden ſoll. Hierin wird uns wohl der Begründer des jetzigen Schulturnens, Adolf Spieß, der es ſich ja vorzugsweiſe zur Lebensaufgabe gemacht hatte, in jeder Beziehung für Ausdehnung und Verbreitung des Turnunterrichtes in höheren Schulen und Volksſchulen, bei Knaben und Mädchen, zu wirken, maßgebend ſein. Seine Forderungen ſind im Allgemeinenen folgende:
Da das Zweckmäßige des Grundſatzes, verſchiedene Lehrfächer in der Schule zu vereinigen, aner⸗ kannt iſt, ſo muß jedenfalls auch das Turnen, ein ſo weſentlicher Erziehungstheil, mit der Schule ſtreng verbunden ſein. Auch das Turnen bedarf, wie jeder Lehrgegenſtand, ſchulmäßigen und ſtufenmäßigen Unterrichtes und gedeiht am beſten im geſellſchaftlichen Vereine der Jugend’, beſonders wenn das Schul⸗ leben auch auf das Turnen ſeine wohlthuenden Beziehungen ausdehnt, den Einfluß ſeines gleichgeordneten Unterrichtes auf dieſes ausübt. Umgekehrt trägt auch die turneriſche Ausbildung der Jugend in die ganze Schule heilſame Friſche und Belebung, Ausgleichung und Gleichgewicht in die Schulbeſchäftigung. Darum ſoll die Schule auch dieſen Zweig der Erziehung übernehmen. Turnanſtalten außerhalb der Schule ſind nicht zu empfehlen, ſchon deßhalb nicht, weil in denſelben Turner jedes Alters zuſammentreten, alſo ein eigentlicher ſchulmäßiger Unterricht nicht zu erwarten iſt. Das Turnen muß, wie jeder Lehrgegen⸗ ſtand, nach ſeinen inneren Geſetzen zergliedert und geordnet, zur Betreibung in der Schule vorbereitet werden. Dies erheiſcht eine erſchöpfende Bearbeitung der Turnkunſt nach ihren Grundbeſtandtheilen, eine ſtetige, lückenloſe Entwickelung der vielfältigen Uebungen, wobei die allzu grellen Uebergänge vermittelt, die nothwendigen Abgrenzungen aller Lehrſtufen für die Schule leicht möglich ſind. Dadurch allein wird es möglich, jeder Altersſtufe ihren beſtimmten Kreis von Uebungen zuzuweiſen und zwar ſolche Uebungen, welche, die Geſammtheit der Schüler berückſichtigend, das Maß ihrer Kraft nicht überſteigen. Natürlich machen die verſchiedenen Gattungen der Schulen weſentliche Unterſcheidungen nöthig; der Lehrſtoff muß in ein rechtes Verhältniß zu den übrigen Lehrgegenſtänden der beſonderen Schule gebracht werden, wie auch der Unterricht bei Knaben und Mädchen ein verſchiedener ſein muß.
Hat die Schule das Turnen in den Unterrichtsplan aufgenommen und ſoll daſſelbe mit erzieheri⸗ ſcher Gründlichkeit in den Schulen betrieben werden, ſo wird es auch nothwendig, daß für das Erziehungs⸗ weſen herangebildete Lehrer den Turnunterricht übernehmen, und nicht Leute, die in keiner weiteren Be⸗ rührung mit der Schule ſtehen. Die Lehrer werden ſich gewiß gerne mit gründlicher Erlernung und Uebernahme des Turnunterrichtes befaſſen. Würde aber umgekehrt das Turnen als Nebenfach betrachtet, ſo würde man an den meiſten Orten Mühe haben, Lehrer dafür zu finden. Das Turnen würde dann ſeine allgemeinen Zwecke in der Schule verfehlen, weil die Schule ſelbſt keinen großen Werth darauf legt. Es werde darum dem Turnen gleiche Ehre und gleiche Berechtigung wie allem anderen Unterrichte eingeräumt.
An Elementar⸗ und Landſchulen, wo die Lehrer gewöhnlich Claſſenlehrer ſind, und aller Unterricht in einfachſter Stufe gegeben wird, übernehme der jeweilige Lehrer der Claſſe auch den Turnunterricht


