Aufsatz 
Ein Beitrag zur Förderung des Turnunterrichtes an der Großherzogl. Realschule, den Stadtschulen und Privatschulen zu Alzey
Entstehung
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kann dabei die Mädchen nach eigener Wahl ſpielen laſſen, vhns Zwang nach eigener Luſt und Liebe, was ſie wollen; das dient dann in Wirklichkeit zur Erholung. Dadurch kann, bei genügender Stundenzahl, das Spiel eine merfwürdige Ausdehnung erhalten. Iſt es doch in Mannheim in einer Mädchenſchule, an der freilich faſt jede Claſſe täglich eine Turnſtunde hat, vorgekommen, daß beim Federballſpiel ein einzelnes Mädchen 1000 und 1500 Schläge ausführte, ohne einen Fehler zu machen, gewiß ein Zeichen von großer Gewandtheit und Sicherheit. Ebenſo kann das Ballſpiel und Spiel mit Reifen zu wirklich kunſtvollen Leiſtungen ausgebildet werden, ohne daß natürlich neben dieſen Spielen die eigentlich poſitiven Uebungen vernachläſſigt werden dürfen. Wird das Mädchenturnen planmäßig betrieben, ſo wird es für die Mädchen außer der Beförderung der Geſundheit, Entwickelung von Kraft und Gewandtheit auch noch Eigenſchaften des Geiſtes, des Gemüthes wecken. Das Mädchen wird ein gewiſſes Selbſtvertrauen, ein Vertrauen zu ſeiner körperlichen Tüchtigkeit gewinnen, es wird einen gewiſſen Grad von Muth, Ent⸗ ſchloſſenheit und Geiſteskraft erhalten, geſchickt und anſtellig werden, jeder Zeit bei der Hand ſein und auch körperlich ſich bei der Hand finden laſſen, um dieſe oder jene Bewegung zu machen, es wird ſeinen Körper unter die Gewalt des Willens bringen.

Alle dieſe Uebungen nun: Frei⸗ und Ordnungsübungen, Uebungen an Geräthen, ſowie Spiele werden von den Mädchen, wie die Erfahrung an vielen Orten lehrt, ſehr gern und freudig betrieben. Auf etwas iſt aber noch zu achten. Der Unterricht der Mädchen hat beſondere Schwierigkeiten, vielleicht mehr, als der bei Knaben, und ganz beſonders iſt der Turnunterricht bei Mädchen vielleicht geeignet, die weibliche Eitelkeit zu fördern, alſo ein moraliſches Uebel dahin zu bringen, wo wir körperlich viel⸗ leicht einen Vortheil erringen. Damit dies vermieden werde, müſſen die Uebungen ſoviel als möglich Gemeinübungen bleiben, daß nicht die Einzelne Gelegenheit bekommt, ſich vor den Anderen vielleicht Bei⸗ fall zu erwerben, ſei es den Beifall des Lehrers, oder den Beifall von Zuſchauenden, und jedenfalls iſt es weſentlich wichtig, daß ein ſolcher Beifall nicht in eclatanter Weiſe an den Tag gelegt wird. Dieſe Eitelkeit wird namentlich bei dem Turnen um ſo mehr hervortreten, da ja die körperlichen Vorzüge ſich hier am meiſten entfalten können. Sehr nothwendig iſt es alſo, daß man dieſen Punct ganz beſonders ins Auge faßt, und da ſind gerade die Reigenübungen, dieſe Gemeinübungen, etwas Weſentliches.

Das Mädchenturnen muß natürlich, wie das Knabenturnen, in den Stundenplan der Schule als ob⸗ ligatoriſches Lehrfach aufgenommen und den anderen Fächern gleichgeſtellt werden, da es ſonſt nie zu einer gedeihlichen Entwickelung gelangen kann. Iſt das Turnen nur facultativ, ſo ſind in einzelnen Stunden alle, oder faſt alle Mädchen anweſend, in anderen wieder nur wenige, denn je nach den Launen und dem Gutdünken der kleinen und großen Mädchen werden die Stunden beſucht oder nicht. Glaubt ſich doch manches verzogene Mädchen für einen gerechten Tadel des Lehrers dadurch rächen zu können, daß es eine oder mehrere der nachfolgenden Stunden verſäumt. Würde man irgend ein anderes Fach für facultativ erklären, ſo würde man bald dieſelben Erfahrungen machen. Iſt aber in einer Mädchenſchule das Turnen vorerſt nur facultativ eingeführt, ſo iſt es das Beſte, wenn der Turnlehrer den Vorſtand der Anſtalt von dem Nutzen deſſelben überzeugt und dafür gewinnt, ſo daß dieſer den Eltern, die ihre Kinder nicht wollen Theil nehmen laſſen, das Weſen und die Nützlichkeit der Leibesübungen auseinanderſetzt und ſie dadurch beſtimmt, ihre Kinder zu conſequentem Beſuche des Turnunterrrichtes anzuhalten. Nächſt den Eltern des Kindes müſſen beſonders auch die Aerzte gewonnen werden, denn auch in ihren Kreiſen herrſcht noch manches Vorurtheil gegen das Turnen vor, weil das neuere Schulturnen, beſonders das der Mädchen, noch viel zu wenig bekannt iſt, und Viele unter dem Begriffe des Wortes Turnen nichts als Purzel⸗ bäume, Todtenſprünge, Rieſenſprünge u. ſ. w. verſtehen, von einer ſyſtematiſch und methodiſch geordneten Unterrichtsweiſe für die Leibesübungen der Jugend aber in vielen Kreiſen keine Kenntniß vorhanden iſt. Deßhalb iſt es zu rathen, Eltern und Aerzten ein klares Bild des jetzigen Turnverfahrens darzulegen.

Dispens von der Turnſtunde darf nur Kränklichen auf ärztlichen Schein hin ertheilt werden, gut iſt es aber, wenn auch die Dispenſirten in den meiſten Fällen während der Turnſtunde anweſend ſind, damit ſie doch, beſonders bei Ordnungs⸗, Frei⸗ und Gerätheübungen, einigen geiſtigen Gewinn erzielen. Dieſe Forderung der Anweſenheit während des Unterrichtes hat ſchon manche Schülerin, die mehr auf eingebildetes Unwohlſein hin einen ärztlichen Schein zu erlangen wußte, curirt, denn nicht viele Stunden konnte ſie dem heiteren Treiben und Spielen der anderen Mitſchülerinnen zuſehen, ohne ein leiſes Gelüſte zu fühlen, ſelbſt mitthätig zu ſein, und ſchließlich kam ſie mißmuthig mit den Worten zu