Aufsatz 
Ein Beitrag zur Förderung des Turnunterrichtes an der Großherzogl. Realschule, den Stadtschulen und Privatschulen zu Alzey
Entstehung
Einzelbild herunterladen

30

gute Vorſchule für den Bürger. Das Militär wird ſtets aus einem leiblich gebildeten Bürger einen brauchbaren Soldaten herſtellen können, für einen guten Bürger aber iſt, wie für einen Soldaten, nächſt Geſundheit des Leibes und der Seele vor Allem auch das erweckte Pflichtgefühl, der Sinn für Ordnung und Geſetzmäßigkeit, Gehorſam, Unterordnen und Aufgehen in der Allgemeinheit von höchſter Bedeutung. Alles dieſes aber wird durch geordneten Turnunterricht erreicht.

Bezieht ſich nun das Vorhergehende zunächſt auf die Vortheile, welche das Turnen für das männliche Geſchlecht hat, ſo ſind doch auch die Vortheile, die daſſelbe für das weibliche Geſchlecht hat, nicht zu unterſchätzen. Leider iſt aber das Turnen beim weiblichen Geſchlechte bis jetzt noch vielfach vernachläſſigt, und dürfte es deßhalb wohl am Orte ſein, die Anſichten darin erfahrener Männer hierüber zu erwähnen; gilt es hier doch noch mehr, wie bei den Knaben, Vorurtheile zu beſiegen! Dieſe finden theils in der Sache ſelbſt, theils aber auch in falſcher Betreibung ihren Grund. Der ſchlichte Handwerker und Bauer, der Land⸗ mann, dem die Tochter in Feld und Wald, in Haus und Garten mit ihrer Handarbeit zu unterſtützen hat, gibt kurzweg die Antwort:Unſere Mädchen brauchen nicht zu turnen, die turnen zu Hauſe genug. In der Stadt dagegen befürchtet vielleicht manche ängſtliche Mutter, dem Töchterchen könnten die Hände zu breit auseinander gedrückt, oder gar die Knochen verzogen und verlängert werden. Ja es fragten ſchon Leute, ob die Mädchen nicht vom Turnen lange Arme bekämen! Selbſt die Väter begreifen oft nicht, wie man den Töchtern Dinge zumuthen könne, die man ihnen zugemuthet habe. Sie glauben, die Mädchen ſollten an Reck und Barren turnen, wie die Knaben, und dazu verleitet ſie allerdings oft auch verkehrter Unterricht bei den Mädchen, denn Manche nahmen den Mädchenunterricht in die Hand, ohne ſich die Sache vorher ganz klar gemacht zu haben, und es mußten da die Mädchen in Knaben⸗ kleidung alle Uebungen der Knaben machen. Dies iſt allerdings verkehrt, denn wenn das Mädchenturnen Anklang finden ſoll, ſo muß es ſich vollſtändig dem weiblichen Geſchlechte anpaſſen, denn wir wollen keine Amazonen bilden. Sehr treffend ſagt daher Maßmann, ein alter Vorkämpfer für das Turnen:

Je mehr aber das Bedürfniß nach geregelter Leibesthätigkeit oder Leibesübung auch für das weib⸗ liche Geſchlecht ſich aufdrängt, deſto ſtrenger darf von jedem Lehrer, der ſich dieſen Beruf annimmt, ver⸗ langt werden, daß er auch hier, und hier beſonders, beide Geſchlechter in ihrem Weſen wohl zu unter⸗ ſcheiden und verſchieden zu behandeln wiſſe. Iſt der Knabe in all ſeinem Thun und Laſſen, in ſeinem Streben und Entbehren zur männlichen Rüſtigkeit an Leib und Seele, zu ihrer freien und frohen Selbſt⸗ beſtimmung zu erheben, ſo muß das Mädchen zwar von krankhafter Sentimentalität ferngehalten, doch in Allem zu wahrhaft weiblicher Sinnigkeit und Innigkeit geführt werden. Hiernach wird ſich denn auch alle und jede Leibesübung vielfach anders zu geſtalten haben, als für den Knaben und Jüngling; nicht minder der geiſtige Betrieb der Sache. Hier im Freudenreigen der Mädchen muß, ohne alles Schauweſen, Alles zur innenbedeutſamen, ſymboliſchen Rythmik werden, Alles Tritt, Schritt, Glitt, Gang und Geſang leibliche Anmuth und geiſtige Schönheit athmen, abſpiegeln und anſtreben, womit die riſche Erfaſſung auch des weiblichen Gemüthes, wie die geſundkräftige Inanſpruchnahme der Glieder nicht ver⸗ redet iſt, im Gegentheile der Ernſt, der Schweiß, die Ausdauer ſich recht wohl vertragen, indem das weibliche Gemüth, ſich ſtützend auf Ahnung des Beſitzes leiblicher Anmuth und geiſtiger Lieblichkeit, nur zu leicht zu ſcheinthätiger Eitelkeit oder eiteler Scheinthätigkeit neigt.

In welcher Art das Turnen bei den Mädchen betrieben werden ſoll, zeigt uns ſchon der Be⸗ ruf des Weibes an, der keine außergewöhnlichen Kraftanſtrengungen fordert. Es handelt ſich deßhalb bei den Mädchen nicht weſentlich um Entwickelung einer poſitiven Kraft, als vielmehr um Erhöhung der eigentlichen Lebensfähigkeit im Allgemeinen. Wir brauchen daher den Mädchen keine Uebungen zuzu⸗ muthen, die eine außergewöhnliche Kraftanſtrengung verlangen, die abſpannen und ermüden. Dies wäre eine Sünde gegen den Bau des Weibes, da die ſchwächere, weichere Structur ſeines Knochenbaues ſchon derartige Uebungen nicht zuläßt. Deßhalb ſind von Anfang an die Freiübungen zu betreiben, und zwar nicht blos die, welche, der Tanzkunſt entlehnt, durch ihre zierliche Weiſe, durch ihre gemeinſame rythmiſche Darſtellung die Leichtigkeit, dee Anmuth und Grazie des Mädchens ſelbſt entwickeln und das Auge des Zuſchauers in merkwürdiger Weiſe beſtechen, ſondern auch die Uebungen, welche ſo wohlthätig auf die Ausbildung der Rücken⸗ und Bruſtmuskeln wirken. Freilich werden die robuſteren Uebungen der Knaben Per wegbleiben müſſen; alles wilde Stoßen und Hauen u. ſ. w. halten wir fern. Zu pflegen aber ſind alle jene Uebungen des Armes und des Handgelenkes, Springbeweguugen und alle