Aufsatz 
Ein Beitrag zur Förderung des Turnunterrichtes an der Großherzogl. Realschule, den Stadtschulen und Privatschulen zu Alzey
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ſie erſchlaffen. So ſchwindet das Gleichgewicht zwiſchen allen Gliedern und Muskeln dahin, und vor der Zeit tritt körperliche Unbehülflichkeit ein, die den raſchen Gebrauch des Körpers unmöglich macht. Nur wenige ſtädtiſche Gewerbe gewähren raſche und etwas mannigfaltigere Bewegung im Freien, ihre Arbeiter zeichnen ſich eben darum vortheilhaft aus. So iſt oft ſchon vor dem zwanzigſten Jahre die Fülle der Geſundheit und mit dieſer die Wehrfähigkeit verſiegt. Freier ſcheint allerdings der Reiche und ſogenannte Vornehme dazuſtehen und wäre auch ungebundener in der Leibeserziehung der Seinigen, wenn es überall Anſtalten zu ihrer Bildung gäbe. So muß er Stubenerziehung treiben, denn dicht unter den Fenſtern liegt die Gaſſenerziehung. Auf dieſe Weiſe gelangte bisher der Jüngling oft plötzlich genug an die Pforten des Wehrſtandes, auf den kriegeriſchen Uebungsplatz, wo er ſich in die neue Kunſt einwerfen ſollte: wie es aber mit dieſem Einwerfen gegangen, wiſſen die Beſorger am beſten. Man erwartet von einem tüch⸗ tigen Waffenmanne anſtändige Haltung und Tragung des Körpers, regelmäßige, nach Zeit und Wink ſcharf abgemeſſene raſche Bewegung, Körperkraft und Dauerhaftigkeit, Gewandtheit des Leibes, ſinnliche Wachheit des Geiſtes, frohen luſtigen Muth. Zu keinem dieſer Dinge aber war eine Vorbereitung in der Erziehung der Jugend, deßhalb ſoll man die biegſame Jugend dazu vorbilden, dann iſt ihr ein Spiel, was, zu ſpät gefordert, ihr eine Laſt wird. Schwerlich aber werden die kriegeriſchen Uebungen mit der Zeit vollkommen den Schaden der unberechneten Erziehung verbeſſern; der unvorbereitete Neuling erwirbt allerdings manche der nöthigen Vollkommenheiten, anſtändige kriegeriſche Haltung und Tragung des Körpers, die regelmäßige nach Zeit abgemeſſene raſche Bewegung gewiß; auch Körperkraft; ob er aber nach langer Abſpannung durch die Waffenübungen wieder zur Vollkräftigkeit gelangen werde, das ſteht dahin; überhaupt, warum ſoll man erſt etwas ſchwächen, was ſtark bleiben und in dieſer Eigen⸗ ſchaft zu den Waffen kommen ſollte. Manche kann man wegen Schwächlichkeit gar nicht gebrauchen, wirkliche Gewandtheit wird ſich aber der ſteif, ſchwerfälig und plump Gewordene wohl nie erwerben. Sie geben Gewandheit, aber nicht jene allgemeine des ganzen Körpers und aller Hauptbewegungen der Glieder, ſondern nur die ſehr beſchränkte im Handhaben des Gewehres, Wenden, Schwenken u. ſ. f. Unzählbar aber ſind auch bei der jetzigen Bewaffnung und Kampfführung noch die Fälle, wo Mann gegen Mann ſteht, Hinderniſſe der Natur und Kunſt nur durch Gewandtheit und perſönliche Kraft über⸗ wunden werden müſſen; der Krieger iſt nicht blos eine Maſchine, die in Reihe und Glied nur ladet und Feuer gibt! Dieſe Gewandtheit aber iſt nur durch mannigfaltigere Uebungen zu erzielen als die rein kriegeriſchen darbieten. Auch Muth und Entſchloſſenheit werden nicht ſo geweckt durch kriegeriſches Exerciren, denn nichts iſt in allen Waffenübungen, was irgend ein muthiges Wagen erfordert, alle wer⸗ den mit ſo völliger Sicherheit vollzogen, daß kein beſonderes Anregen des kecken und luſtigen Muthes davon zu hoffen iſt und zwar des perſönlichen Muthes des Einzelnen; dieſer beruht vorzüglich auf dem Bewußtſein der Kraft und Gewandtheit, die durch Erziehung gegeben werden muß. Was bei dem Heere zur Ermuthigung des Neulinges nach und nach beſchieht⸗ fließt aus dem Umgange mit verſuchten Kriegern und aus dem Tone der Kriegsſchaar. Aus allem Obigen geht alſo die Nothwendigkeit hervor, die Jugend durch Erziehung auf zweckmäßige Art vorzubereiten, damit ihr die Waffentracht luſtig und leicht werde, und damit ſie einſt, als fertig geübter Vaterlandsvertheidiger, in einer Vollkommenheit auftrete, welche nicht blos den alten Begriff von Landmiliz und Contingent weit überſteigt, ſondern ſelbſt der höheren Vollkommenheit des eigentlichen Krieges auf deutliche Art zu Hülfe kommt. Die Erziehung muß deßhalb den Menſchen nicht blos zum Menſchen, ſondern auch zum Bürger bilden; ſie ſoll das Herz mehr hinwenden auf das Vaterland, ſoll den Geiſt heben, den natürlichen Muth nicht ohne Schonung, im unweiſen Glauben an ewigen Frieden und ewige Ruhe, im Knaben und Jünglinge nieder⸗ drücken und lähmen, ſondern ihn leiten und ſtets das Rechte zeigen. Sie belebe den Sinn für Ehre, für Freiheit, für Unabhängigkeit des deutſchen Volkes. Dabei vergeſſe ſie des Leibes ihrer Zöglinge nicht, ſondern nehme ſich deſſen an, ſie entwickle ſeine Kräfte und Fähigkeiten durch mannichfaltige Leibesübungen.

Aus Vorſtehendem wird wohl klar geworden ſein, daß das Turnen große Vortheile hat für Schule, Geſundheit und Heerweſen. Sollte Letzterer ſogar überſchätzt werden, ſo würde der Betrieb des Turnens doch zu empfehlen ſein wegen ſeiner Vortheile für Schule und Geſundheit. Wir ſind ja nicht blos dazu beſtimmt, Soldaten zu werden und zu ſein, ſondern auch vor Allem gute Bürger zu werden. Der Krieg iſt nur ein Ausnahmezuſtand, der Friede der regelmäßige. Das Turnen iſt aber auch eine gute