Schulclaſſe zu meſſen iſt. Es gibt einen natürlichen Menſchenverſtand, und dieſer kann einen Menſchen der Art befähigen, daß die körperlichen Wirkungen bei ihm viel bedeutender ſind, als bei einem Anderen. Auch die Lebensſtellung der Menſchen hat ihre Bedeutung. Es iſt ein Unterſchied, ob Jemand Techniker iſt, oder in einer Weiſe arbeitet, die ihn körperlich und geiſtig ziemlich brach liegen läßt. Die turneriſche Wirkung wird ſich daher nach derjenigen Wirkung, die durch die Lebensſtellung hervorgebracht iſt, weſent⸗ lich modificiren. So miſchen ſich die allgemeinen Wirkungen des Turnens mit einer Menge anderer Wirkungen in einem Maße, daß wir gar nicht einmal im Stande ſind, ſie als Wirkungen des Turnens zu erkennen, geſchweige denn zu meſſen.
Was die Abkürzung der Dienſtzeit betrifft, ſo iſt dieſe natürlich Sache des Hauptmanns, und wird es auch wohl bleiben. Dieſer hat zu entſcheiden, ob der Betreffende den militäriſchen Geiſt in ſich aufgenommen hat, denn hierauf kommt es zunächſt an. Hat ein Soldat das moraliſche Element des Heeres noch nicht in ſich aufgenommen, ſo wird er auch nicht früher entlaſſen.
Hierfür ſcheint aber gerade das Turnen von großer Bereutung zu ſein. Auch das Turnen birgt ein moraliſches Clement in ſich, und durch dieſes wird es wohl auch dahin kommen, daß der Turner ſich raſcher den militäriſchen Geiſt, das moraliſche Element des Heeres, das er ja eigentlich ſchon in ſich trägt, erwirbt, alſo auch dadurch während der Dienſtzeit weitgehenden Vortheil, wie Abkürzung derſelben, erlangen kann. Iſt auch die militäriſche Erziehung eigentlich eine abgeſchloſſene, ſo beſteht zwiſchen Tur⸗ nen und militäriſcher Erziehung, wenn keine directe, ſo doch eine indirecte Verbindung, indem der Sinn für Pflicht und Disciplin geweckt wird, und die Kräfte des Körpers und Geiſtes geſtärkt werden. Raſch wird ſich deßhalb der geſchickte Turner in die militäriſche Erziehungsweiſe und die militäriſche Zucht ein⸗ gewöhnen und ſie in ſich aufnehmen, und die Beſorgniß ſo manchen Hauptmannes iſt wohl undegründet, dem das freiere Auftreten des Turners nicht behagt, weil er glaubt, daß ſich derſelbe weniger dem Zwange der militäriſchen Disciplin beugen werde. Gerade dieſes freiere Auftreten, das ſich ſtützt auf das Bewußtſein ſeiner Körperkraft und Gewandtheit, wird dem Turner auch beim Militärvon großem Vortheile ſein, wennerſt die erſten Monate des Einexercirens vorüber ſind. Was Andere ſich oft mit Mühe erwerben müſſen: ſicheres Auftreten, ſicheres Auffaſſen aller Befehle u. ſ. f. wird dem Turner ein Leichtes ſein; er wird das Exercitium lernen, wie ein alter Soldat ein neues Reglement. Das allzu Stramme, das allzu Aengſtliche aber iſt eigentlich nur Sache der Recruten; dieſer wundert ſich über die nachläſſige Haltung alter Soldaten, die nur das thun, was im Momente wirklich nöthig iſt, im Vertrauen auf die Sicherheit in Ausführung aller Befehle, während die älteren Jahrgänge lächelnd und ſpöttiſch anf die Jüngeren herabblicken, die Alles noch ſo„lächerlich ſtramm“ machen. Die drei Jahre Dienſtzeit ſind ja nicht nöthig zum Erlernen der Functionen des Sol⸗ daten; es handelt ſich um Einwurzeln, Uebergehen in Fleiſch und Blut, ſoldatiſchen Geiſt, um die in ihrem Werthe noch nicht genug erkannte Freiheit der Bewegung im Stoffe. Eine in Fleiſch und Blut übergegangene turneriſche Durchbildung wird dieſen Proceß ſo bedeutend abkürzen, daß die gewon⸗ nenen poſitiven Fertigkeiten, ſo willkommen ſie auch ſind, jedenfalls bei Weitem den geringeren Theil der Erſparniſſe bilden.
Aber auch kleinere Erleichterungen gewährt das Turnen dem Wehrmanne. Wenn ein Einjähriger das Turnen verſteht, ſo kommt es ihm dienſtlich zu Statten, er kann als Vorturner oder Turnlehrer fungiren, ebenſo der Dreijährige. Der Turner wird einen kräftigen Körper mitbringen, der ihn Vieles leichter ertragen läßt, als einen Anderen, der ſchwächlichen Körpers iſt und dem bei den ſtrengen An⸗ forderungen des Exercitiums und Dienſtes oft wehe gethan werden muß. Sind aber durch das Turnen die Förper unſerer Jugend gekräftigt, ſo wird dies auch dadurch für das Heer von großer Bedeutung ſein, daß es anſtelligere, kräftigere, geſündere Leute erhält; ja es wird dann allmählig wohl auch dahin kommen, daß die Dienſtunfähigkeit, die in ſo bedeutendem Maße eben vorhanden iſt, nach und nach ſich vermindern, alſo auch numeriſch das Heer aus dem Turnen Vortheil ziehen wird.
Damit aber das Turnen gerade für den Wehrmann eine tüchtige Vorſchule ſei, müſſen die Schüler vor Allem gewöhnt werden an Disciplin und Gehorſam. Wie ſie im Heere herrſchen, müſſen ſie auch auf dem Turnplatze herrſchen, natürlich keine ſtrenge militäriſche Disciplin, die eine Grauſamkeit gegen die Jugend ſein würde, aber Schulzucht. Die Jugend muß zur Pflicht erzogen werden, die das Heer groß gemacht hat und dem Soldaten die wahre moraliſche Kraft gibt. Auf dem Turnplatze muß


