Einleitung.
Im dritten Bande der hessischen Blätter für Volkskunde, S. 54 ff., erzählt uns Dr. Gustav Schöner wieder, was ihm aus der Glaubenswelt einer fast ganz versunkenen Zeit ein alter Bauer aus Eschenrod in Oberhessen anvertraut hat. Die mit Beibehaltung der Sprechweise des alten Mannes wiedergegebenen Erzählungen sind kostbare Restbestände alten hessischen Volks- glaubens und regen zu interessanten Vergleichungen an. Sie entbehren eines inneren Zusammenhangs und stellen sich dar als zerrissene Maschen aus jenem eng verflochtenen Netzwerk oft blutiger Wahnvorstellungen, in das sich die Vorwelt ver-— strickt hatte und aus dem nur die Wissenschaft in langer müh- seliger märtyrerreicher Aufklärungsarbeit die umnebelten Geister befreien konnte.
Die 16te genannter Erzählungen lautet:
„Früherhin konnten die Leut' mehr als jetat. Da konnten sich ihrer in einen Baumstumpf verwandeln. Ein Burkardser hatt' gefrevelt. Stand da(es soll in der Gemarkung Roth ge-— wesen sein) ein Stumpf, ein Weidenstumpf, den hat er früher noch nicht da gesehen. Der war recht glatt. Und jetzt wollt' er sich mit seinem Tabaksmesser Tabak abschneiden. Das Päckchen Rolltabak hat er auf den Stumpf gelegt und da davon schnitt er sich jetet ab. Da gab's richtige Kerben in die Rinde; ja, ja!
Wie ein paar Tage herum waren, da kam ein Kaulstober (Kaulstoß, ½ Stunde von Burkards) zu ihm und sagte: Guck' einmal da(ihm die Seite zeigend), da hast du mir zu selbiger Zeit hineingeschnitten mit deinem Tabaksmesser, tu das nun nicht mehr wieder.“
Schaefer, Verwandl. d. menschl. Gestalt im Volksaberglauben. 1


