Aufsatz 
Naturgeschichte der Ameisen und Anleitung zur Bestimmung der nassauischen Arten : 1. Theil / Schenck
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

ſeien, und ihre ſpätere Verſchiedenheit nur von der reichlicheren und beſſeren Nahrung herrühre. Die Larven, unfähig ſich von der Stelle zu bewegen, werden von den A. auf das ſorgfältigſte mit einer ausgebrochenen ſüßen Flüſſigkeit gefüttert, indem ſie die Zunge vorſtrecken. Weil ſie ebenfalls eines beſtimmten Grades der Temperatur und Feuchtigkeit bedürfen, ſo werden ſie, wie die Eier, bald in dieſe, bald in jene Gegend des Neſtes getragen, und zwar immer dahin, wo ſie den geeigneten Grad der Temperatur und Feuchtigkeit erhalten, auch von Zeit zu Zeit ſorgfältig gereinigt. Sie häuten ſich nicht während ihres Larvenzuſtandes, ſondern erſt nach Vollendung des Wachsthums und völliger Ausbildung der Puppe unter der Larvenhaut ſtreifen ſie dieſelbe ab und treten ſo in dieſen dritten Entwicklungszuſtand. Die Puppe gleicht einer Käferpuppe, iſt wie dieſe, eine ſogenannte Numien⸗Puppe(gemeißelte Puppe). Solche Puppen zeigen ſchon alle Glieder des vollkommenen Inſekts, aber unbeweglich am Körper liegend, wie bei dem ſchlafenden Inſekt, jedes einzelne Glied, wie Kopf, Bruſt und Hinterleib, von einem ſehr dünnen Häutchen ſcheidenartig umgeben, die Flügel in Geſtalt kurzer Läppchen, ebenfalls in häutigen Scheiden, an der Bruſt liegend. Sie ſind eine Zeit lang weiß und weich, aber ſpäter färben und härten ſie ſich allmählig. Der Ortsbewegung unfähig, nehmen ſie keine Nahrung zu ſich. Bei vielen Arten macht ſich die Larve, wenn die Zeit des Verpuppens kommt, mittelſt einer aus der Spinnwarze tretenden zähen Flüſſigkeit, welche nach dem Austritt ſich in verhärtende Fäden ausziehen läßt, ein Geſpinnſt(Cocon). Die Geſpinnſte werden fälſch⸗ lich Ameiſeneier genannt. Der Cocon iſt länglich eiförmig, weiß, gelblich und bräunlich, an dem Hinterende mit einem ſchwarzen durchſcheinenden Fleckchen, den Exkrementen, welche die Larve vor dem Verpuppen von ſich gegebeu hat, aus einer pergamentartigen, von dicht verfilzten Fäden gebildeten Haut beſtehend. So verpuppen ſich unter den einheimiſchen Arten die Larven faſt aller mit einer Schuppe auf dem Stielchen verſehenen, mit Ausnahme einer Art(Tapi- noma erraticum); aber bei allen Ameiſen mit 2 Knoten auf dem Stielchen ſpinnen ſich die Larven nicht ein; ſie haben nackte Puppen. Solche finden ſich zuweilen auch bei denjenigen, deren Larven ſich in der Regel einſpinnen, beſonders bei Formica sanguinea, cunicularia, Lasius fuscus, fuliginosus und niger. Sobald ſich die Larven eingeſponnen oder ohne Gepinnſt verpuppt haben, werden die Geſpinnſte oder Puppen ſogleich von den A. in beſondere Zellen getragen, wieder nach dem Geſchlechte abgeſondert. Die Größe der Geſpinnſte und Puppen iſt, wie die der vollkommenen Ameiſen, nach dem Geſchlechte verſchieden; die Arb eiter⸗Puppen erkennt man an dem Mangel der Flügelſcheiden. Die Puppen⸗Geſpinnſte, wie die nackten Puppen, werden gleich den Eiern und Larven, damit ihnen zu jeder Zeit der geeignete Grad der Tempe⸗ ratur und Feuchtigkeit zu Theil wird, von den A. in dem Neſte herumgetragen, oft auch auf deſſen Oberfläche unmittelbar unter die natürliche Decke, oder ganz oben in den das Neſt be⸗ deckenden Haufen. Wenn ſich die inneren Theile völlig ausgebildet und die von der Puppenhülle umſchloſſene Haut der Ameiſe gehörig gehärtet und gefärbt hat, ſtreift dieſelbe die Puppenhaut ab und erſcheint als vollkommenes Inſekt(imago). Die Geſpinnſte werden von den A. zu der geeigneten Zeit am Kvpfende geöffnet, die junge Ameiſe herausgezogen und ihre Theile entfaltet; jedoch werden auch ohne dieſe Beihilfe Cocons, die man aus dem Neſte ge⸗ nommen hat, von den jungen Ameiſen durchbrochen, wiewohl die Puppen meiſtens in ſolchen ſterben. Die junge Ameiſe hat ſogleich ihre vollſtändige Größe, nur die Flügel wachſen noch; zuweilen findet man in den Neſtern ſolche, deren Flügel, wenn auch vollkommen entwickelt, nicht die gehörige Größe erlangt haben. Die Haut nimmt erſt nach einigen Tagen ihre vollſtändige Härte und Farbe an, und bevor dieſes geſchehen, verläßt die Ameiſe das Neſt nicht. Die ganze