Aufsatz 
Anleitung zur Bestimmung der im Herzogthum Nassau und dessen Umgebung wildwachsenden Pflanzen-Gattungen, nebst pädagogisch-didaktischen Vorerinnerungen / von A. Schenck, Prorector und Professor
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17

Wie ſchön und wahr ſagt er im 12. Bande in einem Aufſatze über die Idylle: Unauslöſchlich ſind in uns die Züge der Natur, die Eindrücke der Jugend. Wenn der Lenz erwacht, erwachen wir und fühlen in ihm den Lenz unſeres Lebens; mit jeder Blume ſprießen wir auf, wir blühen in jeder Blüthe. Uns klappert der wieder⸗ kommende Storch, uns ſingt die Nachtigall und die Lerche. An der Munterkeit und dem neuen Frühlingsleben jedes Geſchöpfes nehmen Kinder brüderlichen und ſchweſter⸗ lichen Antheil. Aber auch jede Scene der Natur in allen Jahreszeiten hat für geſunde Menſchen ihr Angenehmes, ihr Schönes; Sommer und Herbſt, ſelbſt der rauhe Winter. Nichts ſcheint der Natur entfernter, als Cabinet und Gerichtsſtätte, Canzlei und Hof; der Kramladen endlich und die Frohnfeſte am fernſten. Uebel wäre es indeſſen, wenn nicht auch dieſe Wüſte hier und da ein ein⸗ zelner grünender Baum, eine erfriſchende Quelle überſchattete und einem ermatteten Wanderer Labung gäbe. Unglücklich, wenn von Geſchäften dieſer Art die Menſch⸗ lichkeit ganz verbannt wäre! Ferner:Dem, welcher in der Anſicht der Natur, in ihrem Genuſſe und Gebrauch Verſtand und Herz verbindet, iſt kein Naturkörper ohne Geiſt, kein Geiſt in der Natur ohne Körper.In die wahre, große Allegorie der Schöpfung tief hineinzudringen, iſt der Beruf ſowohl des Philoſophen, als des Dichters, ja jedes Verſtändigen in ſeinem Kreiſe. Alles ſpreche zu uns; Nichts ſtehe uns leer da! Auch ſeien es nicht bloß äußere Aehnlichkeiten, die wir aufſuchen, ſondern die Tiefe der Natur ſelbſt, der im Körper dargeſtellte wirkſame Geiſt, eine Welt von Kräften, uns empfindbar worden durch Ausdruck. Das höchſte Alterthum, das wenig ſchwätzte, aber tiefer empfand und dachte, hielt ſich an dieſe Allegorie der erhabenſten Art. Mit dem Mindeſten ſagt ſie ſo viel, und wie rein! wie kräftig!

Einige vortreffliche Stellen über den hohen Werth der Pflanzenkunde für die gemüthliche und insbeſondere äſthetiſche Bildung der Jugend*) finden ſich in Föhliſchs

Erziehung! O könntet ihr alle laut klagen!Alles kommt aus ſeinem Gleichgewicht, wenn wir für Latium erzogen werden, und die Lateiniſche Sprache der herrſchende Ton des Ganzen wird. Die Welt braucht hundert tüchtige Männer und einen Philologen; hundert Stellen, wo Realwiſſenſchaften unentbehrlich ſind, eine, wo eine gelehrte und grammatiſche Kenntniß des alten Roms gefordert wird.

*) Ueber die Wichtigkeit dieſes Zweiges der Jugendbildung ſagt Föhliſch:Schönheit bildet mit den Urbildern der Tugend und Wahrheit das heilige Dreigeſtirn, nach welchem ſich das höhere Leben des Menſchen in allen ſeinen Bewegungen richtet. Der Geiſt ſtrebt nach Wahrheit, der Wille nach Tugend, und das Gefühl wendet ſich der Schönheit zu, und alle drei ſind Eins in der Liebe zum Göttlichen. Moöchten nur folgende Worte, welche Föhliſch allen Eltern zuruft, überall Beachtung finden:Offenbaret euren Kindern die Herrlichkeiten der Natur und ihres Zöglings, der Kunſt, und bepflanzet die Pfade ihres Lebens mit den Blüthen und Früchten des Schönen, damit nicht der Engel des Böſen in dem verwahrloſeten Boden Dornen und Diſteln ausſäe! Aber leider ſind folgende Klagen Herders nur zu begründet:In den beiden Reichen der Natur und Kunſt hat die Vorſehung uns Menſchen eine der reichſten Quellen edler Luſt eröffnet, wenn wir gelernt haben, die reine Schönheit bei uns zu entfalten. Millionen aber von

3