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worin alle Seelenthätigkeiten, gleich den Thätigkeiten des körperlichen Lebens, mit einander ſtehen, macht dieſelbe auch für die höheren Stufen, wenn gleich nicht über⸗ wiegend, wie auf den unteren, nothwendig⸗). Und noch mehr wird der hohe Werth eines geübten Anſchauungsvermögens und ſicheren Beobachtungsgeiſtes einleuchten, wenn man erwägt, wie ſehr hiervon die Erlernung und Ausübung vieler bildenden Fertigkeiten und Künſte, das Studium vieler höheren Wiſſenſchaften, ja das Studium und die Ausübung ganzer Berufszweige, wie der Medicin, abhängig iſt, und welchen Einfluß dieſes Seelenvermögen auf die mannichfaltigſten Verhältniſſe und Geſchäfte des Lebens ausübt.
Die Wichtigkeit aller derjenigen Unterrichtsgegenſtände, welche zunächſt das Anſchauungsvermögen beſchäftigen und den Beobachtungsgeiſt anregen, möchte alſo binreichend bewieſen ſein. Beſonders aber ſollten dieſelben auf der Stufe des Knaben⸗ alters, folglich in den Elementarſchulen und unteren Gymnaſialklaſſen oder unſeren bisherigen Pädagogialklaſſen, beachtet werden. Dahin gehört das Zeichnen**), die
*) Ueber den Werth der Beobachtung für practiſche Geſchäfte und für die Wiſſenſchaft findet ſich eine Abhandlung in der Schulzeitung. 1840 Nro. 25. Lichtenberg führt an, daß in einer Geſellſchaft gebildeter Leute die Mehrzahl auf ſeine Frage, wie viel Flächen der Würfel habe, nur vier Flächen kennen wollte.—„Beobachten und Begreifen ſind zwar, ebenſo wie Anſchauen und Denken, pſychologiſch verſchiedene Thätigkeiten der Seele, nicht aber ſo getrennt von einander im Leben, daß ſie beim Unterrichte, alſo pädagogiſch, von einander geſondert und als einer verſchiedenen Sphäre gehörig behandelt werden dürften. Der Unterricht erfaſſe die Geſammtkraft des Schülers, rege überall das Gemüth an, gehe von Beobachtung des Anſchaubaren aus, ent⸗ wickle an ihr den Begriff des Gegenſtandes, ergreife das Innere, erzeuge Intereſſe an der Sache und bilde Verſtand und Wille(Kopf und Herz) gleichmäßig, um den Schüler wahrhaft zu erziehen. Der Menſch ſoll eine klare Anſicht der Dinge, eine Weltanſicht gewinnen; jeder Lehrzweig ſoll dieſes Ziel erreichen helfen.“ Weiß Erfahrungen und Rathſchläge aus dem Leben eines Schulfreundes.
**)„Schöne Wiſſenſchaften ſind die, welche die ſogenannten unteren Seelenkräfte, das ſinnliche Erkenntnißvermögen, den Witz, die Einbildungskraft, die ſinnlichen Triebe, den Genuß, die Leidenſchaften und Neigungen ausbilden ſollen; die höheren Wiſſenſchaften beſchäftigen ſich mit dem Urtheil und Verſtand, dem Willen und den Geſinnungen. Alle Kräfte unſerer Seele aber ſind urſprünglich nur Eine Kraft, wie unſere Seele nur Eine Seele. Wir nennen oben und unten, hoch und niedrig, was nur vergleichungs⸗ und beziehungsweiſe ſo iſt; im Ganzen aber iſt ein richtiger Verſtand ohne richtige, wohl geordnete Sinne, ein bündiges Urtheil ohne eine geregelte und zu ihrem Dienſte brauchbar gemachte Einbildungskraft, ein guter Wille und Cha⸗ rakter ohne wohl geordnete Leidenſchaften und Neigungen nicht möglich. Alſo iſt es Irrthum und Thorheit, die höheren ohne die ſchönen Wiſſenſchaften anzubauen, in der Luft zu ackern, wenn der Boden brach liegt.„Herder.„Die ſchönen Wiſſenſchaften ſind Ordnerinnen der Sinne, der Einbildungskraft, der Neigungen und Begierden, das Sehglas zur Wahrheit, Dienerinnen, die den Grund unſrer Seele ordnen, damit Wahrheit und Tugend ſich ihr offenbaren.“ Derſelbe. „Die ſchönen Wiſſenſchaften haben den Vorzug, daß ſie für alle Stände und Geſchäfte ſind; ſie müſſen alſo, zumal mit der Jugend, in dieſer Allgemeinheit getrieben werden. Sie heißen huma- niora, dienen der Menſchheit und ſollen ihr in allen Ständen und Formen dienen. Derſelbe. Ueber das Bildende des Zeichenunterrichts und ſeine Methode vergl. Föhliſch„über Menſchen⸗ bildung durch das Schöne, mit beſonderer Rückſicht auf Ton⸗ und Zeichenkunſt⸗ in deſſen An⸗ ſichten über Erziehung und Unterricht. 1


