Aufsatz 
Anleitung zur Bestimmung der im Herzogthum Nassau und dessen Umgebung wildwachsenden Pflanzen-Gattungen, nebst pädagogisch-didaktischen Vorerinnerungen / von A. Schenck, Prorector und Professor
Entstehung
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Paͤdagogiſch⸗didactiſche Vorerinnerungen.

Die wichtigſte Aufgabe der Pädagogik und Didaktik beſteht darin, den Unterricht in materialer und formaler Hinſicht auf einer jeden Stufe dem Entwickelungsgange der menſchlichen Seele entſprechend einzurichten. Nach einer pſychologiſchen Thatſache iſt aber auf der Stufe des Knabenalters neben dem Gedächtniſſe das ſinnliche Er⸗ kenntnißvermögen oder Anſchauungsvermögen die vorherrſchende Seelenkraft, ſo daß hier alle Thätigkeit des Geiſtes durch dieſes Vermögen vermittelt wird, und alle Kenntniſſe, ſo wie alle Regungen des Gefühls⸗ und Willensvermögens von dieſer Quelle ausgehen*). Daher iſt nach den Anforderungen einer naturgemäßen Lehr⸗ methode auf jener Altersſtufe die Anregung, Uebung und Ausbildung des Anſchau⸗ ungsvermögens vorzugsweiſe geboten, als die unerläßliche Bedingung eines wahrhaft bildenden und erfolgreichen Unterrichts. Wenn auch der Unterricht keine Seite der Seelenthätigkeit, ſelbſt auf den niedrigſten Stufen, unbeachtet laſſen darf, vielmehr auf einer jeden Bildungsſtufe und bei einem jeden Lehrgegenſtande den ganzen Men⸗ ſchen erfaſſen muß, ſo ſoll er doch das vorherrſchende Seelenvermögen vorzugsweiſe anregen und cultiviren und ſich deſſelben zugleich als eines Mittels bedienen, um auch auf die übrigen Seelenkräfte übend und bildend einzuwirken.Was man zu frühe lernt, ſagt Herder, lernt man nicht recht. Ein metaphyſiſches Kind, ein ſyſtematiſcher Knabe ohne Material, ohne alle Blüthe der Erkenntniß iſt ein junger Greis, der verwelkt war, ehe er blühte. Schaffe der Jugend erſt Reichthum an Sachen und mancherlei ſinnliche Gewißheit; die Deutlichkeit gelehrter Begriffe wird aus ihnen, wie die Frucht aus dem Keime und der Blüthe, zu ihrer Zeit werden.

Der Grundſatz:Unterrichte anſchaulichn ſei alſo für ſämmtliche Unterrichts⸗ fächer, die ſprachlichen ſowohl, als die wiſſenſchaftlichen, das Hauptprincip der Didaktik. Ueberall gehe der Unterricht von der Anſchauung zum Begriffe, vom

*)Der wichtigſte Factor aller geiſtigen Bildung bleibt die Außenwelt. Kellner. Alles Denken hat die Empirie zur Baſis. Beneke.Dem Menſchen iſt kein Verſtand, keine Urtheilskraft, keine Vernunft, kein Gefühls⸗ und Begehrungsvermögen u. ſ. w., ſondern blos die Fähigkeit angeboren: zu ſehen, zu hören, zu riechen, zu ſchmecken und zu fühlen. Die Vermögen dieſer fünf Sinne ſind die Wurzel alles deſſen, was ſpäter in der Seele durch die Mitwirkung der Außenwelt zur Entſtehung kommt. J. G. Dreßler in ſeiner Schrift: Beneke oder die Seelenlehre als Naturwiſſenſchaft..

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