Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 1. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

35

Ausbildung ſeines Verſtandes dienen, und ſeinen mathematiſchen Kenntniſſen ein erhoͤhtes Intereſſe gewaͤhren. Die Gefahren, welche manche Paͤdagogen in der Anwendung der Mathematik zur Darſtellung der Naturgeſetze und Begruͤndung der Naturerſcheinungen fuͤr eine ſinnige Natur⸗ und Weltbetrachtung und die gemuͤthliche und religioͤſe Auffaſſung der Naturerſcheinungen finden wollen), wer⸗ den dem Kenner der Sache ſich als ungegruͤndet erweiſen, und Beſorgniſſe der Art koͤnnen nur auf einſeitigen Erfahrungen oder Unkunde der Mathematik und Na⸗ turwiſſenſchaft beruhen. Vielmehr wird auf dieſe Weiſe dem glaͤubigen und wahr⸗ haft religioͤſen Gemuͤthe deſto uͤberzeugender die Wahrheit ſich aufdringen, daß, wie aus allen Erzeugniſſen der Natur, ſo auch aus ihren Erſcheinungen ein goͤtt⸗ licher Verſtand ſpricht, daß die ganze ſichtbare Schoͤpfung nach goͤttlichen Ideen geordnet, von göͤttlichen Gedanken durchdrungen iſt. Wenn auch einzelne Ma⸗ thematiker und Naturforſcher einen Mangel ſittlicher und religioͤſer Ideen und Gefuͤhle zu zeigen ſcheinen, wenn ein Lalande die Gottheit nicht im Univerſum finden zu koͤnnen waͤhnt, ſo darf doch keineswegs der Mathematik oder Natur⸗ wiſſenſchaft die Schuld dieſer traurigen Erſcheinungen, dieſer Entartungen der Menſchheit beigemeſſen werden. Es verſteht ſich, daß ein vernuͤnftiger Lehrer der Naturkunde mathematiſche Formeln und Beweiſe nicht als Zweck, ſondern nur als Mittel betrachtet zu allgemeiner und preciſer Darſtellung und zu wiſſen⸗ ſchaftlicher Begruͤndung der Wahrheiten, welche der Schuͤler durch unmittelbare Anſchauung und Beobachtung und vermittelſt ſeines auf dieſe gerichteten Nachden⸗ kens gefunden hat, und daß er ſie mit weiſer Auswahl anwendet und nicht zum vorherrſchenden Stoffe ſeines Unterrichts macht, damit nicht durch das uͤberwie⸗ gende mathematiſche Intereſſe die reine und ſinnige Auffaſſung der Erſcheinungen der Natur, ihrer Kraͤfte und Geſetze in den Hintergrund gedraͤngt werde.

So weſentlich auch zu einem gruͤndlichen und bildenden Unterricht in der Naturkunde die anſchauliche Kenntniß der aͤußern Merkmale der Naturkoͤrper iſt, ſo darf doch, wie oben bereits gezeigt worden iſt, ſchon auf der Bildungsſtufe der niederen Gelehrtenſchule der innere Bau nicht ganz außer Acht gelaſſen werden, und der Lehrer weiſe daher bei jeder Gelegenheit mit zweckmaͤßiger Kuͤrze auch darauf hin, und zeige die Einrichtung, den Zweck und die Verrich⸗ tung der wichtigſten innern Organe. Allein uͤber der aͤußerlichen und

*) 1) Weit entfernt, daß es zu einer ſinnigen Natur⸗ und Weltbetrachtung mathematiſcher Emi⸗ nenz beduͤrfen ſollte, iſt vielmehr die hoͤlzerne und ſtroherne Naturbehandlung der Mathe⸗ matiker eine wahrhaftige Naturmißhandlung, da ſie, wie geſagt, bei dem Begriffe Ratur durchaus nicht an Geiſt, Gott und an etwas Sittliches denken. Art uͤber den Zuſtand der heutigen Gymnaſien. 2) Dem Mathematiker erſcheint Alles greifbar, faßlich und mechaniſch und er kommt in den Verdacht eines heimlichen Atheismus, indem er ja das Unmeßbarſte, welches wir Gott nennen, zugleich mit zu erfaſſen glaubt, und daher deſſen beſonderes oder vorzuͤgliches Daſein aufzugeben ſcheint, Derſelbe,

5 5

2