Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 1. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

der neueren Zeit ſolche Veraͤnderungen erlitten, und es gibt deren haͤufig fuͤr daſſelbe Genus oder dieſelbe Species ſo viele, daß eine ſorgfaͤltige Auswahl der⸗ ſelben erforderlich iſt. Wo es aber nicht als unumgaͤnglich nothwendig erſcheint, gehe man von den Linneiſchen Namen nicht ab.

Zur Empfehlung des anſchaulichen und heuriſtiſchen Verfahrens in dem Unterrichte uͤber Naturgeſchichte fuͤhre ich noch eine Stelle aus dem neueſten Werke von Thierſchuͤber den Zuſtand der Gymnaſien im meſtlichen Deutſch⸗ land an. Er ſpricht daſelbſt von dem Verfahren eines Gymnaſiallehrers zu Dort⸗ mund(Dr. Suffrian, jetzt Direktor der hoͤheren Buͤrgerſchule zu Siegen) deſſen naturgeſchichtlichem Unterrichte er beiwohnte. Die Knaben brachten die ihnen bezeichneten Gegenſtaͤnde(es waren einige Kraͤuter und Blumen) mit ſich in die Schule, und waren zu ihrer Betrachtung mit Loupen und feinen Meſſern ver⸗ ſehen. Die Pflanzen wurden von der Wurzel an nach allen ihren Beſtandtheilen, Eigenſchaften und Bildungen durchgegangen. Die Schüler hatten der Reihe nach das Einzelne ſelbſt zu bemerken und zu bezeichnen, Z. B. an der Wurzel die Haupt⸗ und Nebenaͤſte, die Faſern, die Haͤute derſelben, den Inhalt. Was ſie ungenau angaben und nannten, wurde vom Lehrer verbeſſert, die gegebene Be⸗ nennung, wo es noͤthig war, mit einem Kunſtausdruck bezeichnet, und auf deſſen Gebrauch bei dem naͤchſten Falle gedrungen. Dabei ſchaͤlten, anatomirten, be⸗ trachteten die Knaben durch die Loupe alles genau, die Aufmerkſamkeit war un⸗ unterbrochen, die Antworten folgten ſchnell auf einander, wie eine Art Lauffeuer, durch die Baͤnke. Nach der Stunde mußten die Beſchreibungen zu Papier ge⸗ bracht werden, und dienten zugleich als eine vortreffliche Uebung im Denken und Schreiben. Denn nur das wird der Knabe richtig ſchreiben, was er deutlich geſehen und gedacht hat, dadurch ſich aber auch am ſicherſten an Deutlichkeit und Genauigkeit im Denken gewoͤhnen.

Die bisher geſchilderte Lehrmethode wird es dem Schuͤler moͤglich machen, zu einer gruͤndlichen und bildenden Kenntniß der Einzelweſen zu gelangen; aber hierbei ſoll er keineswegs ſtehen bleiben; er ſoll auch den Zuſammenhang zwiſchen den Erzeugniſſen der Natur erkennen, und ſich ſo nach und nach befaͤhigen, zu dem hoͤchſten Ziel des naturwiſſenſchaftlichen Unterrichts, zur Einſicht in den gegliederten Organismus der Natur zu gelangen. Deßhalb muß ſchon der Unterricht auf den niederen Gelehrtenſchulen zur Kenntniß eines Syſtems fuͤhren. Dieſen Zweck wird der Lehrer am ſicherſten dadurch erreichen, daß er die Schuͤler aͤhnliche Naturkoͤrper mit einander vergleichen, ihre gemeinſamen und unterſcheidenden Merkmale aufſuchen und an⸗ geben, durch Zuſammenfaſſen der gemeinſchaftlichen Merkmale das Gleichartige zu einer hoͤheren, allgemeineren Gruppe zuſammenordnen, ſo durch fortgeſetzte Wie⸗ derholung derſelben Verſtandesoperation die einzelnen Dinge zu Arten, die Arten zu Geſchlechtern(Gattungen), die Geſchlechter zu Familien, die Familien zu Ord⸗ nungen, die Ordnungen zu Klaſſen, die Klaſſen zu Reichen verbinden, und die