Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 1. Teil
Entstehung
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Viele gleichguͤltig und bewußtlos, wie Blinde, unter den Wundern der Schoͤpfung einhergehen, unempfaͤnglich fuͤr die Belehrungen und Genuͤſſe, welche die Natur dem Menſchen auf jedem ſeiner Tritte in ſo reicher Fuͤlle darbietet, auch von dieſer traurigen Erſcheinung, welche ſich ſelbſt bei Gebildeten, ja bei Erziehern und Lehrern der Jugend und bei Verkuͤndigern des goͤttlichen Wortes nicht ſelten kund gibt), moͤchte ein Hauptgrund zu ſuchen ſein in dem mangelhaften oder verkehrten Unterrichte ihrer Kindheit, in dem fuͤr Geſundheit und Kraft des Koͤrpers und Geiſtes gleich nachtheiligen Wahne, daß ſich der Knabe Geiſtes⸗ nahrung und Geiſtesbildung nur aus Buͤchern und am Schreibtiſche verſchaffen

koͤnne. Auch als formelles Bildungsmittel kann der naturwiſſenſchaftliche Unterricht nur dann wahren Werth haben, wenn er anſchaulich ertheilt wird. Nur ſo iſt er im Stande, zu der ſo wichtigen und doch ſo haͤufig vernachlaͤſſigten Uebung und Ausbildung der niederen Erkenntnißkraͤfte, namentlich des Anſchauungsver⸗ moͤgens und der Einbildungskraft, beizutragen; auch ſeine Mitwirkung zur Cultur der hoͤheren Geiſteskraͤfte, des Denk⸗- und Sprachvermoͤgens, des Geſchmacks und Schoͤnheitsſinnes, des religioͤſen und moraliſchen Gefuͤhls, iſt groͤßtentheils an die Erfuͤllung dieſer erſten Bedingung geknuͤpft. Weiter unten werden wir auf dieſe Seite des naturwiſſenſchaftlichen Unterrichts zuruͤckkommen.

Durch ein, oft nur fluͤchtiges Herumzeigen von Abbildungen, welche ſo haͤu⸗ fig nicht allein ungetreu und fuͤr den Schulgebrauch unzweckmaͤßig angelegt ſind, ſondern auch nicht ſelten alles aͤſthetiſchen Werthes ermangeln, wird der Anfor⸗ derung, daß der naturwiſſenſchaftliche Unterricht anſchaulich ertheilt werden ſolle, keineswegs Genuͤge geleiſtet; ſondern nur, wenn dem Schuͤler eine aufmerkſame Betrachtung und Unterſuchung der Naturgegenſtaͤnde und eine aufmerkſame Be⸗

obachtung der Naturerſcheinungen ſelbſt geſtattet iſt, beſitzt der Unterricht den

Mangel an zweckmaͤßiger Schulvorbereitung dem Gedeihen dieſer Studien die groͤßten Hin⸗ derniſſe in den Weg legt. So vergehen in der Regel Jahre, ehe die Studirenden etwas ſehen lernen, und ſo lange ſie das, trotz alles Reichthums aͤußerer Anſchauungen, oder vielmehr vor lauter Sehen, nicht gelernt haben, ſo lange koͤnnen ſie natuͤrlich auch nichts einſehen. Kapp.

*) Rollin ſagt in dieſer Beziehung in dem oben angefuͤhrten Werke: Il est étonnant, que Thomme placè au milieu de la nature qui lui offre le plus grand spectacle qu'il soit possible d'imaginer, et environné de tous cotés d'une infinité de merveilles qui sont faites pour lui, ne songe presque jamais ni. à considérer ces merveilles si dignes de son attention et de sa curiosité, ni à se considérer soi-méme. II vit au milieu du monde, dont il est le roi, comme un étranger, pour qui tout, ce qui s'y passe serait indiſférent, et qui n'y prendrait aueun interet. L'univers, dans toutes ses parties, annonce et moontre son Auteur: mais pour le plus grand nombre, c'est a des sourds et à des aveugles, qui ont des oreilles sans entendre et des yeux sans voir. 4

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