Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 1. Teil
Entstehung
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bildungskraft der Jugend ein, wenn ſie dieſelben durch aufmerkſame Anſchauung und Beobachtung mit ihren regen Sinnen aufgefaßt hat. Lehrt ja doch die taͤg⸗ liche Erfahrung, daß die Kinder ſelbſt in dem fruͤheſten Alter ſich durch bloße An⸗ ſchauung die Bilder von Thieren, Pflanzen und Steinen leicht und feſt einpraͤgen. Was mein Auge unmittelbar vom Gegenſtande empfing, das gibt keine Beſchrei⸗ bung einem andern wieder, der nichts hat, womit er mein Object vergleichen kann. Der Botaniker beſchreibe dir eine Roſe in den paſſendſten Ausdruͤcken; er be⸗ nenne alle ihre kleinſten Theile, beſtimme die verhaͤltnißmaͤßige Groͤße, Geſtalt, Zu⸗ ſammenhang, Subſtanz, Oberflaͤche, Farbenmiſchung; kurz er liefere dir eine ſo puͤnktlich genaue Beſchreibung, daß ſie, mit dem Gegenſtande ſelbſt zuſammenge⸗ halten, nichts zu wuͤnſchen uͤbrig laſſe: ſo wird es dir, wenn du noch keine Roſe ſaheſt, doch unmoͤglich ſein, ein Bild daraus zu ſchoͤpfen, das dem Urbilde ent⸗ ſpraͤche; auch wirſt du keinen Kuͤnſtler finden, der es wagte, nach einer Beſchrei⸗ bung die nie geſehene Blume zu zeichnen. Ein Blick hingegen, eine ruhige Be⸗ ruͤhrung durch die Sinnorgane, und das Bild iſt auf immer deiner Phantaſie un⸗ ausloͤſchlich eingepraͤgt. Forſter in ſeinen Reiſen am Niederrhein. So iſt es alſo eitle Muͤhe, die Naturkunde einzig und allein oder nur vorzugsweiſe durch muͤnd⸗ lichen Unterricht und nach einem Lehrbuche lehren oder erlernen zu wollen. Glaͤn⸗ zendes Scheinwiſſen iſt das Hoͤchſte, was eine ſolche Methode des Unterrichts zu erreichen vermag; allein der Sinn fuͤr reine Naturanſchauung und der wahre Naturgenuß wird dabei nicht nur nicht geweckt, ſondern vielmehr in ſeinem Kei⸗ me erſtickt.

Wie viel aber auch der Unterricht mit Huͤlfe der Anſchauung bei den fri⸗ ſchen und reizbaren Sinnen der Jugend ohne kuͤnſtliche Anſchauung des Geiſtes zu leiſten vermag: ſo ſchwer faͤllt in den ſpaͤteren Jahren, wo die Thaͤtigkeit des Denkvermoͤgens das Ulebergewicht uͤber die der anſchauenden Seelenvermoͤgen hat, das Auffaſſen ſinnlicher Unterſcheidungsmerkmale demjenigen, deſſen Anſchauungs⸗ vermoͤgen in der Jugend nicht geuͤbt und gebildet, durch den Mangel der Uebung aber abgeſtumpft worden iſt, und daher jene Reizbarkeit fuͤr die Natur verloren hat. Wer alſo nicht durch den Schulunterricht gelernt hat, die Natur mit geuͤb⸗ tem Anſchauungsvermoͤgen aufzufaſſen, dem wird in ſpaͤtern Jahren das Begreifen bildlicher Darſtellungen und das Verſtaͤndniß wiſſenſchaftlicher Beſchreibungen hoͤchſt ſchwierig, ja unmöglich ſein. Daß der naturwiſſenſchaftliche Unterricht auf der Univerſitaͤt ſo wenig gedeihen, daß hier die Naturkunde ſelbſt von ſolchen, deren Fachſtudium und kuͤnftige Berufsthaͤtigkeit die Kenntniß der Natur zur Grundlage hat, vernachlaͤſſigt, und hoͤchſtens als ein belaͤſtigendes Huͤlfsfach zum Behufe der Staatspruͤfung nothduͤrftig ſtudiert wird, davon liegt der Grund haupt⸗ ſaͤchlich in dem Mangel einer zweckmaͤßigen Schulvorbereitung). Und daß ſo

*)Wer den bisherigen Gang des naturwiſſenſchaftlichen Lehrens und Lernens auf den deut⸗ ſchen Hochſchulen beobachtet hat, wird geſtehen muͤſſen, daß der im Allgemeinen faſt gaͤnzliche