15
choix des oceupations, qui conviennent à ses facultés.“ Rousseau. Sinne und ſinnliche Erkenntniß ſind das Erſte, was in der kindlichen Seele aufwacht. Ihre erſte Erkenntnißthaͤtigkeit iſt das Anſchauen, das Auffaſſen des Einzelnen oder Concreten; ſpaͤter erſt erwacht der Verſtand, deſſen Thaͤtigkeit durch Verglei⸗ chung, Abſtraction, Reflexion und Combination, durch Begriffebilden, Urtheilen und Schließen auf die Erkenntniß des Allgemeinen gerichtet iſt. In dem fruͤ⸗ heren Knabenalter iſt die Wirkſamkeit und Energie des Verſtandes gaͤnzlich abhaͤngig von der Thaͤtigkeit und Kraft der niederen Seelenvermoͤgen, und ohne klares Auffaſſen des Einzelnen iſt deutliche Kenntniß des Allgemeinen hier durch⸗ aus unmoͤglich. Noch auf der Altersſtufe, auf welcher die Schuͤler unſrer Paͤ⸗ dagogien ſtehen, iſt die Thaͤtigkeit der niederen Erkenntnißkraͤfte vorherrſchend, und beherrſcht die der hoͤheren, und das um ſo mehr, auf je tieferer Stufe des Alters und der Bildung ſie ſtehen. Die Bildung der anſchauenden Seelenver⸗ moͤgen ſei alſo hier noch immer eine Hauptaufgabe des Unterrichts.“) Welcher Unterrichtsgegenſtand aber moͤchte ſich zur befriedigenden Loͤſung dieſer Aufgabe beſſer eignen, als gerade die Naturwiſſenſchaft? Die Nothwendigkeit jener erſten Bedingung ihres Unterrichts auf der niederen Gelehrtenſchule geht alſo auch aus dem Entwicklungsgange der menſchlichen Seele hervor.
Ohne die Erfuͤllung dieſer Bedingung kann der Lehrer der Naturkunde aber auch weder den formellen, noch materiellen Zwell ſeines Unterrichts erreichen. Denn eine bloße Wortbeſchreibung ſtimme auch auf das genaueſte mit ihrem Ge⸗ genſtande uͤberein; doch vermag ſie nie in der Seele des Schuͤlers ein ſo klares, ſo vollſtaͤndiges und ſo getreues Bild zu erwecken, daß er dadurch zu einer deut⸗ lichen und ſicheren Kenntniß gelangte, daß es ihm moͤglich wuͤrde, den Gegen⸗ ſtand von aͤhnlichen zu unterſcheiden, ihn in der Natur wieder zu finden. Ja viele der weſentlichſten Kennzeichen und Unterſcheidungsmerkmale ſind einer klaren Be⸗ ſchreibung nicht einmal faͤhig. Ebenſo wenig iſt in dem phyſikaliſchen Unterrichte ohne aufmerkſame Beobachtung der Naturerſcheinungen ſelbſt oder ſie vertretender Experimente eine klare Einſicht in ihr Weſen und die ihnen zu Grunde liegenden Kraͤfte und Geſetze moͤglich. Leicht und unverloͤſchlich aber praͤgen ſich die Merk⸗ male der Naturkoͤrper und der Gang der Naturerſcheinungen der lebhaften Ein⸗
*) Wie die Morgenroͤthe dem Mittag, der Fruͤhling dem Sommer vorangeht, wie mit der Jugend, dem Fruͤhling des Lebens, zuerſt die Bluͤthen der Seele, Sinne und ſinnliche Er⸗ kenntniß erwachen: ſo hat die Erziehung, die der Natur folgen ſoll, dieſe auch zuvoͤrderſt
zu ordnen. 4 Herder Zu fruͤhe Anſpruͤche an die Aufmerkſamkeit auf das Ueberſinnliche und Abſtracte iſt das ſicherſte Mittel, die innere Thaͤtigkeit zu unterdruͤcken. Niemeier.
In den untern Klaſſen der Gymnaſten iſt das Anſchauungselement in der vorſtellenden Thaͤtigkeit noch das Ueberwiegende. Daher haben die untern Klaſſen vorwiegend einen empi⸗ riſchen Charakter. Deinhardt.


