Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 1. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

Natur, daß der Werth derſelben nur nach dem groͤßeren oder geringeren mate⸗ riellen Nutzen beurtheilt werden muͤſſe, daß Alles nur um des Menſchen Willen exiſtire, daß die Natur zu nichts Anderem, als zur Dienerinn ſeines ſinnlichen Vergnuͤgens und materiellen Wohlbefindens vom Schoͤpfer beſtimmt ſei. Der Unterricht ſoll die Jugend lehren, die Werke der Natur aus einem hoͤheren Ge⸗ ſichtspunkte zu betrachten, und auf Gottes Schoͤpfung mit hoͤheren Gefuͤhlen zu blicken, als das Schaf ſeine Wolle, die Kuh das Kraut anſieht. Selbſt auf den Charakter der Jugend kann die rein utiliſtiſche Behandlungsweiſe der Natur⸗ kunde durch Befoͤrderung des Eigennutzes und der Selbſtſucht nachtheiligen Einfluß ausuͤben. Als ein hoͤchſt unzweckmaͤßiges Ueberſchreiten des der Gelehrtenſchule geſteckten Zieles und als durchaus unfruchtbar fuͤr die Bildung des jugendlichen Geiſtes muß es erſcheinen, wenn der Lehrer der Naturkunde ſich ſo weit in das Gebiet der Technologie verliert, daß er ſogar die zur Berarbeitung der Natur⸗ producte noͤthigen Handgriffe und Werkzeuge ausfuͤhrlich beſchreibt, da er hier⸗ durch bei der Jugend ohne Anſchauung nie eine deutliche Vorſtellung wird erwecken, und die Jugend durch einige Blicke in die erſte beſte Werkſtaͤtte ſich weit beſſer ſelbſt daruͤber wird Belehrung verſchaffen koͤnnen. So ſagt Weber in ſeiner SchriftSchule und Leben, er habe in ſeiner Kindheit als ein ungluͤcklicher Quartaner erlebt, daß ein Candidat der Theologie, den der Himmel im Zorne als Collaborator an's Gymnaſium geſchleudert, die Manipu⸗ lationen des Lichtziehens und Seifenſiedens mit aͤußerſter Weitlaͤuftigkeit in die Feder dictirte, wovon der Ehrenmann den Spottnamen des Seifenſieders bei ſeinen Scholaren davon getragen habe.

Wie bei einem jeden Lehrgegenſtande, ſo iſt es auch bei dem naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Unterrichte hauptſächlich die Methode, welche ihm ſeine bildende Kraft verleiht, und klares und ſicheres Wiſſen in dem Geiſte des Schuͤlers erzeugt. Selbſt diejenigen Unterrichtsfaͤcher, welche den erſten Rang unter den formellen Bildungsmitteln der Gelehrtenſchule behaupten, die Sprachen des klaſ⸗ ſiſchen Alterthums und die mathematiſchen Wiſſenſchaften, werden durch eine ver⸗ kehrte Lehrmethode groͤßtentheils ihrer bildenden Kraft beraubt, ja der Unterricht in dieſen Lehrgegenſtaͤnden kann dadurch zu einem mechaniſchen, den Geiſt mehr ertodtenden, als wahrhaft bildenden Abrichten herabgewuͤrdigt werden. Von der Art der Lehrmethode haͤngt alſo auch der Erfolg des naturwiſſenſchaftlichen Unterrichts vorzugsweiſe ab.

Soll die Methode dieſes Unterrichts den Namen einer guten, naturgemaͤßen, bildenden verdienen, ſoll ſie erfreuliche Fruͤchte einer aͤcht menſchlichen Bildung und eines wahren Wiſſens hervorbringen: ſo muß ſie dem Gange der geiſtigen Entwicklung und Bildung des Menſchen, dem eigenthuͤmlichen Weſen des Lehr⸗ objects und dem ſpeciellen Zwecke der Anſtalt entſprechen. Die erſte und uner⸗