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anf den Gelehrtenſchulen ſei alſo, wie das eines jeden anderen Unterrichtszweiges, Entwicklung der Humanitaͤt in dem Knaben. Er ſei, gleich jedem andern ſprachlichen und wiſſenſchaftlichen Lehrgegenſtand, eine Gymuaſtik des jugendlichen Geiſtes, ſuche ſeine Kraͤfte harmoniſch anzuregen, zu uͤben, zu entwickeln, zu bilden und zu ſtaͤrken. Zunaͤchſt und vorzugsweiſe be⸗ ſchaͤftigt er, zumal auf den unterſten Bildungsſtufen, die ſogenannten niederen Erkenntnißkraͤfte, das Anſchauungsvermoͤgen, das Gedaͤchtniß, die Einbildungskraft. So wichtig und nothwendig aber auch die Uebung und Ausbildung dieſer See⸗ lenvermoͤgen fuͤr die Entwicklung und Kraͤftigung und fuͤr eine geſunde und na⸗ turgemaͤße Thaͤtigkeit der hoͤhern Geiſteskraͤfte iſt: ſo wuͤrde doch der naturwiſ⸗ ſchaftliche Unterricht, wollte er ſich darauf beſchraͤnken, in der That eine ſehr untergeordnete Stelle unter den uͤbrigen Gegenſtaͤnden der Gelehrtenſchulen ein⸗ nehmen. Daher ſetze er ſich auch die Eultur der hoͤheren Erkenntnißkraͤfte, des eigentlichen Denkvermoͤgens oder Verſtandes nach ſeinen verſchiedenen Rich⸗ tungen und Thaͤtigkeiten, ſo wie die Ausbildung des Sprachvermoͤgens zum Ziele. Aber er wende ſich auch, was bei keinem Unterrichtsfache verſaͤumt werden ſollte, aber leider! nur zu haͤufig uͤber der abſtracten Verſtandesbildung verſaͤumt wird, der gemuͤthlichen Seite der Seelenthaͤtigkeit zu. Denn mit Recht ruft Baumann in ſeiner Anleitung zu dem Gebrauche ſeiner Naturgeſchichte den Erziehern und Lehrern zu:„Fuͤllet den Kopf an mit noch ſo vielem Wiſſen, aber laſſet dabei das Herz veroͤden, und ſteigt nicht hinab in die heilige Tiefe des Gemuͤths, um von da die aͤchten und lautern Goldköͤrner heraufzuholen: ſo wird all eure Muͤhe eitel ſein, und ſtatt des Dankes moͤchtet ihr leicht Fluch einaͤrnten.“ Der naturwiſefenſchaftliche Unterricht mache es ſich alſo zu einer Hauptaufgabe, auch das höhere Gefuͤhlevermoͤgen, das aͤſthetiſche, religioͤſe und moraliſche Gefuͤhl zu erwecken, zu beleben und zu veredeln, und den moraliſchen Willen zu richten und zu lenken. Nur, wenn er ſo den ganzen Menſchen erfaßt, und die kindliche Seele nach allen verſchiedenen Richtungen ihrer Thaͤtigkeit an⸗ zuregen und zu bilden ſucht, vermag er den Zweck einer allgemeinen Menſchen⸗ bildungsanſtalt zu foͤrdern, iſt er wuͤrdig, den Humanitaͤtsſtudien beigezaͤhlt zu werden.
Außer dieſem formellen Zwecke hat der naturwiſſenſchaftliche Unterricht, gleich jedem andern Lehrfache, noch einen materiellen. Er ſoll dem kind⸗ lichen Geiſte auch einen wiſſenswerthen, verſtaͤndlichen und an⸗ ſprechenden Stoff mittheilen, damit er ſein geiſtiges Eigenthum, damit er ihm ein Schatz fuͤr das Leben, eine Grundlage werde, auf welcher ſpaͤter fort— gebaut werden koͤnne. Das Gebiet der Naturwiſſenſchaft aber iſt ſo unermeßlich, ihre Gegenſtaͤnde ſind ſo verſchiedenartig und geſtatten eine ſo verſchiedenartige Betrachtungsweiſe, daß man ſie wieder in verſchiedene Disciplinen eingetheilt hat. Soll nun der naturwiſſenſchaftliche Unterricht auch in materieller Hinſicht den An⸗ forderungen der Schule Genuͤge leiſten, und das ihr geſteckte Ziel nicht uͤberſchrei⸗


