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auf Koſten und zum Schaden der übrigen Schüler, die vernach⸗ läſſigt und in übergroßer Menge der Arbeitskraft des zweiten Lehrers zugewieſen wurden. Ein Rückgang im Anſehen der Lateinſchule war die unausbleibliche Folge dieſer ungünſtigen Schulverfaſſung.
Die Regierung ſuchte dieſen Krebsſchaden, an dem auch die Lateinſchulen zu Butzbach, Alsfeld, Echzell uſw krankten, zu be⸗ ſeitigen durch ſchärfere Viſitationen, beſſere Auswahl der Lehrer, die Aufhebung kleinerer Schulen und ihre Zuſammenlegung zu „Hauptlandſchulen“, eine einheitlich geordnete Methode uſw., jedoch ohne großen Erfolg. Bereits 1759 iſt unſere Lateinſchule, namentlich auch durch die Perſon des damaligen Rektors, ſo weit heruntergekommen,„daß die Beamten und Bürger, welche ihre Kinder wollten etwas lernen laſſen, Privatinformation ſuchen mußten“. Alle Verſuche, im Einklang mit den Zeitverhältniſſen wieder geſunde Zuſtände herbeizuführen, ſcheiterten, und die letzte Spur von dem Vertrauen, das einſt die Bürgerſchaft zu der früher ſo tüchtigen Anſtalt hatte, wurde vollends erſchüttert durch die unwürdige Amtsführung des 1790 nach jahrelangen Unterſuchungen ſtrafverſetzten übernächſten Rektors.
Das Bedürfnis nach Latein an der Schule ſchwand allmäh⸗ lich vollſtändig und bereits 1780 hatte es ſich eingebürgert, daß der Diakonus(zweiter Pfarrer) die ihm 1608 aufgetragenen vier Lateinſtunden mit Geographie und Naturlehre vertauſchte und es 1785 im ganzen nur noch 6 Lateiner gab. In ſeinem Bericht vom Jahre 1804 hebt der Gießener Kirchen⸗ und Schulrat, der die Anſtalt einer Reviſion unterzog, hervor, daß wöchentlich nur noch 3 Stunden dem Latein gewidmet ſeien, während die in den alten Lateinſchulen nicht vorhandenen Disziplinen Geographie, Naturlehre, Naturgeſchichte und Geſchichte mit ſechs Stunden ver⸗ treten und die übrigen Stunden für Leſen, Rechnen und Religion verwendet wären. Im Jahre 1806 lernte nur noch 1 Knabe Latein, 1810 wurde die Konrektorſtelle zum erſten Male mit einem nichtſtudierten Lehrer, dem Kantor Groh beſetzt, die Schule wurde allmählich in eine eigentliche Volksſchule umgewandelt unter Ausſchluß aller fremden Sprachen; nur die Bezeichnung Rektor, die der erſte Lehrer, bis 1870 immer noch ein ſtudierter Theologe, führte, erinnerte an die alte Lateinſchule.
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