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dem Lehrbuche von Caſſian oder einem ähnlichen, ſo muß uns die Ueberzeugung leiten, für welche ſich auch namhafte Pädagogen anführen ließen, daß das Verſtändniß der gegenwärtigen Lage, zumal Europa's und ſpeciell Deutſchlands dadurch befördert werde, daß man in möglichſt einfacher, rein objektiver Darlegung die Ereigniſſe nach 1815 in aller Kürze mittheile, damit auch die Schülerinnen „vor voreiligem Urtheile über dieſe und jene Fragen, wie ſie im täglichen Leben an ſie herantreten können, bewahrt und mit einem Ernſt der Geſinnung erfüllt würden, um etwaigen verwirrenden Einflüſſen der Oberflächlichkeit oder gar Verdorbenheit ein Gegengewicht bieten zu können.“ Freilich muß der Unterrichtende gerade hierzu große Umſicht und eine reifere Erfahrung beſitzen; ſonſt iſt kein Nutzen daraus zu erſehen. Traut man ſich ſolche Gewandtheit nicht zu, ſo thut man beſſer, mit der ausführlicheren Erzählung beim„Wiener Congreß“ ſtehen zu bleiben und das Folgende nur in Umriſſen mit Hinzuziehung einer die jetzigen Staatsverhältniſſe illuſtrirenden Karte zu geben. Vielleicht könnte man auch ſtatt deſſen mit der Vorführung eines edlen Frauenlebens ſchließen, und dazu etwa das der Herzogin Helene v. Orleans(† 1858) oder ein anderes wählen, das in die Hauptereigniſſe der letztvergangenen Jahrzehnte verflochten iſt.
Andere, die auch einen begründeten Anſpruch machen können, in dieſer Sache gehört zu wer⸗ den, ſind nicht ganz derſelben Anſicht, z. B. Direktor Dr. Herbſt in ſeinem„hiſtoriſchen Hülfsbuch für die oberen Klaſſen von Gymnaſien und Realſchulen“, Mainz 1864 und in der Broſchüre„Zur Frage über den Geſchichtsunterricht in höheren Schulen,“ Mainz 1869, S. 55. Er ſchließt zwar auch ſein Buch mit dem Jahre 1815, will jedoch, daß darnach noch epilogiſch ein Blick auf das Ziel Deutſchlands und den Weg dazu geworfen werde und hält es für unmöglich, die verwickelten Wege der Zwiſchenzeit ſelbſt(von 1815— 1869) den Schüler zu führen. Zugleich verwirft er es auch, eine Staatenüberſicht nach 1815 zu geben, hauptſächlich aus dem Grunde des Mangels an Zeit. Er nennt dies nach Anführung von Gegengründen„den verirrten Trieb nach Vollſtändigkeit auf der Schule,“ gegen den wir übrigens oben ebenfalls angekämpft haben.
Da in Mädchenſchulen, von denen wir hier vor allem reden, weit weniger, als in Knaben⸗ ſchulen das Politiſche betont werden ſoll, und die neueſte Geſchichte doch der Hauptſache nach ſolches bietet, ſo wären wir geneigt, dieſer Anſicht beizupflichten, würden uns jedoch, wenn die Zeit ausreicht und namentlich in höheren Schulen bei erwachſeneren Mädchen mit dem oben zuerſt angeführten Standpunkte, vorausgeſetzt, daß die dort genannten Bedingungen erfüllt werden, einverſtanden er⸗ klären können.
Was endlich bei der Auswahl des Stoffes in Mädchenſchulen beſonders zu betonen ſein wird, ergibt ſich aus den obigen allgemeinen Betrachtungen. Wie man beim Geſchichtsunterrichte für Knaben beſonders das zur Entwicklung des männlichen Charakters Dienliche hervorheben wird, ſo für Mädchen, was zur Pflege des weiblichen Sinnes geeignet iſt. Während daher bei Knaben die politiſche Geſchichte, die Entwicklung der Völker und Staaten, deren äußere und innere Kriege und Kämpfe, die Verfaſſungen und namentlich auch die Geſchichte des Handels und Verkehrs zu betonen ſein dürfte, gilt es bei den Mädchen den weiblichen Sinn, der mehr am Familienleben und am Hauſe haftet, durch Hervorheben des kulturgeſchichtlichen Stoffes und der Stellung des weiblichen Geſchlechtes zu pflegen, ihn aber auch eben dadurch zu erweitern und zu heben. Wenn darüber geſtritten wird, ob die Beſchreibung des Zuſtändlichen überhaupt in den Geſchichts⸗


