Aufsatz 
Der Geschichtsunterricht in Mädchenschulen / von C. O. Schäfer
Entstehung
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geiſtige Genüſſe empfänglich macht und für alles Große und Edle begeiſtert.Das Beſte, was wir von der Geſchichte haben, iſt der Enthuſiasmus, den ſie erregt.(Goethe, 3, S. 159.) In dieſer Hinſicht gehört darum der Geſchichtsunterricht neben dem in der Religion zu den Gegen⸗ ſtänden, welche die meiſten Elemente einer wahrhaft ethiſchen Bildung in ſich tragen, indem ſie die Jugend zum Guten und zu einer höheren Auffaſſung der irdiſchen Verhältniſſe hinführen helfen.

Dazu kommt endlich noch die Belebung des Sinnes für eine religiöſe Lebens⸗ Anſchauung, für Wahrheit und Redlichkeit, Gerechtigkeit und Treue und insbeſondere die Kräfti⸗ gung des national⸗patriotiſchen Bewußtſeins, die Pflege der Liebe zum Vaterlande, die gewiß eine der ſchönſten Aufgaben und Wirkungen des Geſchichtsunterrichtes iſt.

Unverkennbar liegt in der Geſchichte eine Lebensmacht voll ſittlich⸗erhebender Eindrücke und Einwirkungen. Die großen, edlen Perſönlichkeiten erwecken nothwendig des Kindes Theilnahme. Es ſchließt im Geiſte Freundſchaft mit den Perſonen, von deren Thaten und Worten zunächſt ſeine Phan⸗ taſie gefeſſelt wurde. Wer erinnerte ſich nicht mit Freude, ich möchte ſagen mit Sehnſucht, des er⸗ greifenden Eindruckes, den namentlich die alte Geſchichte auf ſein jugendliches Gemüth ausübte, die Sagenzeit mit einbegriffen, die ja durch eine Art Wahlverwandtſchaft dem Geiſte der Jugend näher ſteht und für dieſelbe faßlicher iſt, als die ſpätere Zeit! Die Kinder bewundern die Heldenſtärke z. B. der griechiſchen Heroen; ſie ſehen mit einer gewiſſen Ehrfurcht auf zu den patriotiſchen Thaten der Alten und ſind begeiſtert von ihrer Aufopferungsfähigkeit, ihrer Geduld, ihrem Edelmuthe; ſie erſtaunen über den Heldenſinn der alten Römer; ihre Größe und Unerſchrockenheit in Zeiten der Ge⸗ fahr, ihre Selbſtverläugnung, ihre alte Einfachheit und Sittenreinheit übt einen tiefen Eindruck auf ſie. Sie freuen ſich mit, wenn es zu neuen Thaten geht; ſie ziehen im Geiſte mit zum Streite aus; ſie hoffen und leiden mit; ſie ſiegen und triumphiren mit. Aber auch die Schattenſeiten und deren Warnungen gehen nicht vergeblich an ihnen vorüber. Die Strafe des Leichtſinns, der Sturz des Hochmuths, der Lohn des Böſen, das Elend und Verderben, das mit dem Verlaſſen der alten Sitteneinfalt hereinbricht, ſollte das alles nicht einen wirkſamen ſittlichen Einfluß auf die jugendlichen Gemüther ausüben?

Gewiß liegt in dieſer Wirkung des Geſchichtsunterrichtes etwas Erhebendes und Läuterndes, ein Antrieb zu edlen Entſchließungen für die Zukunft, zu einem ſittlichen Aufſchwunge, ein Damm gegen niedrige Geſinnungsweiſe, eine Anregung der Sehnſucht nach Veredlung und ein Hülfsmittel zur Abwendung von Gemeinheit und von der Flachheit des bloß ſinnlichen Lebens.

2. Bildet das im Vorſtehenden Ausgeführte den Werth des geſchichtlichen Unterrichtes im Allgemeinen, ſo fragt es ſich nun weiter, worin wir denſelben für die Bildung der Mädchen im Beſonderen erblicken.

Daß der Geſchichtsunterricht für Mädchenſchulen überhaupt nicht nur ein unentbehrlicher Lehrgegenſtand, ſondern ſogar derjenige ſei, in welchem unter den Realien am weiteſten gegangen und am meiſten erreicht werden könne, darüber beſteht uns kein Zweifel. Manches zum Beweiſe dafür iſt ſchon in der obigen allgemeinen Darlegung enthalten. Namentlich gilt das für die erſten Jahre des Unterrichtes dort Geſagte ebenſowohl für die Mädchen, wie für die Knaben, zumal da ſich in jener Zeit der Unterſchied zwiſchen der Auffaſſungsweiſe beider noch wenig geltend macht. Auch bei dem Mädchenunterrichte iſt es nöthig, die Phantaſie recht zu leiten, die Denkkraft und Kombinationsgabe zu wecken, das Gedächtniß zu üben und zu ſtärken. Und in Rückſicht auf den materialen Werth des