Aufsatz 
Der Geschichtsunterricht in Mädchenschulen / von C. O. Schäfer
Entstehung
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und der thatkräftigen Wirklichkeit zugewandt, daß das Gedaächtniß, die enge Schatzkammer des Geiſtes für weite, unermeßliche Schätze, nicht nutzlos belaſtet, ſondern wirklich mit Gutem bereichert werden muß. Treffliche Dienſte dafür erweiſt der Jugend gerade der Geſchichtsunterricht und zwar ſchon auf der unterſten Stufe. Doch gewährt derſelbe bald noch weitere Vortheile.

Der Geſchichtsunterricht übermittelt auch wichtige Kenntniſſe, vor allem von dem Gange, den im Allgemeinen die Entwicklung des menſchlichen Geſchlechtes genommen, und die Be⸗ kanntmachung mit der materiellen, geiſtigen und ſittlichen Bildung der Völker, insbeſondere unſeres deutſchen Volkes. Und wer wollte beſtreiten, daß dieſe Kenntniſſe einen nothwendigen Beſtandtheil einer allgemeinen Bildung ausmachen, ja ein Zeichen geiſtigen Lebens ſind? Finden wir doch im Leben aller Völker, ſobald ſie zu einiger Geiſteskultur erwachten, das Beſtreben, wichtige, das Leben des Volkes tief berührende Begebenheiten für die Zukunft im Gedächtniſſe zu erhalten, in älteſter Zeit durch Errichtung ſtummer und doch oft laut redender Denkmäler,*) ſpäter auch durch Poeſie und Sage, endlich durch die Hiſtoriographie.

Wenn die Schule die Übermittlung ſolcher Kenntniſſe durch ihren Geſchichtsunterricht über⸗ nimmt, ſo erfüllt ſie damit einen Theil der Aufgabe, die nothwendig einem Volke geſtellt iſt, das ſo ſehr, wie das unſrige, im Centrum der Kultur ſteht, nämlich die großen überlieferungen vor allem von den bis auf dieſen Tag noch in unſer Leben eingreifenden Ereigniſſen(z. B. von der Reforma⸗ tion, von der franzöſiſchen Revolution, von dem deutſchen Befreiungskampfe) wach zu erhalten und fort⸗ zupflanzen. Je ſeltner und weniger dieſe Aufgabe durch mündliches Erzählen im Hauſe oder durch Privatlektüre gelöſt zu werden pflegt, und je nöthiger es doch ſein dürfte, die geſchichtliche Vergangen⸗ heit zu kennen, um ein rechtes Intereſſe an den geſchichtlichen Vorgängen der Gegenwart zu nehmen, um ſo mehr iſt es Pſticht der Schule, an ihrem Theile zur Verwirklichung dieſer Volksaufgabe durch den Jugendunterricht beizutragen.

Wir finden darum auch den Geſchichtsunterricht zu allen Zeiten unter den Schulfächern ver⸗ treten; in den deutſchen Schulen namentlich fehlt er ſeit der Reformationszeit nirgends. Allerdings iſt man jetzt zu anderen Forderungen und Anſprüchen gelangt und begnügt ſich nicht mehr mit der Zuſammenſtellung von einzelnen hiſtoriſchen Notizen im Intereſſe praktiſcher Verwendbarkeit, wie der Geſchichtsunterricht bis zum Anfange unſeres Jahrhunderts meiſtens aufgefaßt und ertheilt wurde. Augenſcheinlich hat die große Zeit der Drangſale und der Erhebung, mit der für unſer Volk dieſes Jahrhundert begann, und nicht weniger die heutzutage bis zum Wunderbaren geſteigerte Leichtigkeit, raſche Kunde von den wichtigſten Ereigniſſen in der Gegenwart zu erhalten, ſowie die größere Ver⸗ breitung populärer hiſtoriſcher Schriften den geſchichtlichen Trieb mächtig geweckt; und das allgemein erwachte Volksintereſſe hat dann wieder belebend und weitertreibend auf den Geſchichtsunterricht in der Schule eingewirkt. Außerdem iſt durch die vermehrte Pflege der Geſchichtsſchreibung der ſeit Jahr⸗ tauſenden aufgehäufte Stoff klarer und darum auch der Jugendunterricht darin tiefer und zuſammen⸗ hängender geworden.

Nicht minder bedeutend erſcheint der Geſchichtsunterricht in ſeinem Einfluſſe auf die Er⸗ weckung des ſittlichen Intereſſes für Perſonen und Zuſtände, wodurch er vor Einſeitig⸗ keit und Gleichgiltigkeit bewahren hilft, den Gedankenreichthum vermehrt und die Jugend für höhere,

*) Naheliegende Beiſpiele davon finden wir ſchon für das zweite Jahrtauſend v. Chr. 1. Moſ. 11, 4; 31, 45 ff.; Joſ. 4, 19; 1. Sam. 7, 12; u. a. m.