Aufsatz 
Der Geschichtsunterricht in Mädchenschulen / von C. O. Schäfer
Entstehung
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Der Geſchichtsunterricht in Mädchenſchulen.

Es wird wohl kaum einiger Worte bedürfen, um des Verfaſſers Abſicht zu rechtfertigen, in den folgenden Zeilen über einen in mehrjähriger Praxis ihm liebgewordenen Unterrichtsgegenſtand, über deſſen Stellung und Werth, ſowie über die Behandlung deſſelben in der Mädchenſchule ſich aus⸗ zuſprechen. Wer die Thatſache wahrgenommen hat, daß man in neuerer Zeit den beſonderen Be⸗ dürfniſſen des Mädchenunterrichtes mehr, als es früher geſchehen, Rechnung zu tragen und dieſen für die allgemeine Bildung ſo überaus wichtigen Zweig des öffentlichen Unterrichtes aus dem Abhängig⸗ keitsverhältniſſe zu befreien beſtrebt iſt, in welches er durch allzuſtarke Anlehnung an die Knaben⸗ ſchulen und Nachahmung der Einrichtungen und der Unterrichtsweiſe ſolcher gerathen war, der wird einen Beitrag nicht ungeeignet finden, deſſen Zweck es iſt, an ſeinem Theile zur Klärung dieſer pädagogiſchen Zeitfrage mitzuwirken.

I.

Der Geſchichtsunterricht gehört anerkanntermaßen zu den wichtigſten Unterrichtsfächern und nimmt unter den Realien die bedeutungsvollſte Stelle ein, für die höheren Schulen unbedingt; und ſelbſt die geringſte Volksſchule wird ihm eine gewiſſe Beachtung ſchenken müſſen, wenn auch der ge⸗ ringe Zeitaufwand, den ſie ihm widmen kann, die Beſchränkung auf das Nothwendigſte gebietet. Seine Bedeutung liegt wohl in der Vielſeitigkeit ſeiner Verwendung, in ſeiner Wichtigkeit für die intellektuelle, wie für die ethiſche Bildung und in dem gerechten Anſpruche, den der hiſtoriſche Stoff auf Aneignung ſeitens jedes Gebildeten erheben darf. Freilich beruht eben darauf auch die große Schwierigkeit ſeiner Behandlung, indem der Unterrichtende alle dieſe Seiten ſeines Werthes nicht nur kennen, ſondern auch zu behandeln und zu benutzen verſtehen muß.

1. Zuerſt und am früheſten äußert ſich der Werth des Geſchichtsunterrichtes im All⸗ gemeinen ſchon darin, daß er die kindliche Phantaſie in Anſpruch nimmt, die Denkkraft und das Kombinationsvermögen weckt und das Gedächtniß übt und ſtärkt. Und gewiß ſtimmen Alle damit überein, daß die Übung und rechte Leitung dieſer Anlagen und Kräfte ſchon frühzeitig an guten Stoffen und an ſolchen Gegenſtänden ſtattfinden muß, die an ſich ſelbſt werthvoll ſind; daß die jugendliche, oft noch ſehr ungeordnete Phantaſie auf Edles, Schönes und Gutes hingelenkt, mit Bildern aus dem Leben und für das Leben bereichert, von unnützen, oft ſchädlichen Träumereien ab⸗