Aufsatz 
Materialien für den lateinischen Unterricht
Entstehung
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das Fehlen des Artikels im Lateinischen auffallen. Ein Fingerzeig auf zahlreiche Sub⸗ stantiva der deutschen Sprache, die auch des Artikels entbehren, wie die Stoffnamen, Eigennamen, wird zugleich benutzt, um das Latein als einfache Sprache vorzuführen. Mündlich werden nun eine Anzahl Substantiva eingeübt, bis völlige Sicherheit erlangt ist. Mit diesen gewonnenen Kenntnissen geht es sofort an das Uebungs- oder Lesebuch, damit, sie nicht ein totes Wissen bleiben, sondern gleichsam Fleisch und Blut empfangen. Schon C. Fr. von Nägelsbach sagt in seiner Gymnasialpädagogik p. 97:Man überliefere von vornherein sehr wenig Stoff; aber das Gelernte muss-leich verwendet werden zum Ver⸗ ständnisse und zur Bildung von Sätzen und zu eigner Handhabung der Sprache, kurz zur Praxis; man mache dcn Schüler des Besitzes froh, dadurch, dass man ihn etwas da- mit anfangen lässt; und Raphael Kühner in dem Vorworte zu seiner lateinischen Ele⸗ mentargrammatik erklärt:Wenn der grammatische Unterricht erfreuliche Früchte tragen soll, so ist es durchaus notwendig, dass die dem Gedächtnisse eingeprägten Formen und Regeln unmittelbar nach ihrer Erlernung durch Uebersetzung von Uebungsaufgaben aus der fremden Sprache in die Muttersprache und aus dieser in jene zu einer lebendigen Anschauung und zu einem klaren Bewusstsein bei dem Knaben gebracht werden. Aehn⸗ lich äussert sich Klügel ¹⁶):Hand in Hand mit dem Erlernen der grammatischen Formen geht das Uebersetzen, sowohl aus dem Deutschen in das Lateinische, als auch umgekehrt, Beides, wenn nicht schon in der ersten, so doch in den ersten Wochen beginnend. Ein- mal soll es dazu dienen, dem Schüler die Formen der Grammatik, die er nur als be⸗ ziehungslose kennen gelernt hat, jetzt auch unter sich in ihrer Thätigkeit zu sehen; nur aus dem Gefüge der Sätze, das durch sorgfältiges Konstruieren unter Anwendung der verschiedenen Fragen klar gestellt ist, wird er die Bedeutung und die Wichtigkeit der verschiedenen Endungen verstehen. Was bietet sich da für eine Fülle von Beobach- tungen; da sieht er, wie die lateinische Sprache eine jede Beziehung am Worte durch eine verschiedene Endung ausdrückt, im Gegensatz zum Deutschen, wo beim Substantiv der Artikel, beim Verbum das Pronomen eintritt; er sieht den strengen Bau der Sätze, das Subject als Träger der Satzidee an bevorzugter Stelle, das Prädicat am Ende; im Gegensatz zum Deutschen sieht er die Stellung des Adjectives als des minderwertigen Be- griffes hinter das Substantiv; es ist für ein jugendliches Sextanerhirn ohnehin keine geringe Arbeit, durch scharfes Konstruieren zum Verständniss eines Satzes zu gelangen, Das Uebersetzen ist nicht minder geeignet, Lust und Liebe zum Gegenstande zu erwecken. Mit nur geringem Kapitale ausgestattet, tritt der Sextaner an die ersten Sätze der frem- den Sprache heran. Nun gilt es mit den wenigen Mitteln den Schleier zu lüften, um fremde Worte in die eigne Sprache zu übertragen, und siehe, es gelingt: was vor kurzem ihm noch unergründlich schien, ist ihm erschlossen. Das umgekehrte Verfahren schlägt Perthes ein.Es ist nicht von der Erlernung der Vocabeln und des Paradigmas zur Anschauung derselben im Satze, sondern umgekehrt von der Anschauung der Wörter und der grammatischen Formen im Satze zur Erlernung der Vocabeln und des Paradigmas überzugehen; denn nicht vom Begriffe zur Vorstellung, sondern von der Vorstellung zum