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und zwar, da der Weg vom Leichten zum Schweren stets der Naturgemässe ist, zunächst. die Uebereinstimmung der beiden Sprachen in den wichtigsten formalen und syntaktischen Erscheinungen zum klaren Bewusstsein gebracht, erst später dann die Abweichungen dargelegt werden.„Man kann gerade beim Anfangsunterricht keinen Teil der lateinischen Formenlehre oder Syntax zu klarer Auffassung bringen, ohne sie durch die analoge, dem Schüler bekannte Erscheinung im Deutschen begreiflich zu machen ¹²)“. Daher wurde es schon längst als dringende Notwendigkeit erkannt, dass vorzüglich in den unteren Klassen der deutsche und lateinische Unterricht in einer Hand liege, wie andrerseits von dem in Sexta eintretenden Schüler eine thunlichst tüchtige Vorbildung in der Muttersprache als unbedingt erforderlich angesehen wurde. Durch die Vereinigung des deutschen und latei- nischen Unterrichts in einer Hand wird zweifelschne eine Einheit und hierdurch eine Vereinfachung und Erleichterung für die Schüler geschaffen. Diese Einheit und dadurch erreichte Erleichterung würde noch grösser werden, wenn die Lehrbücher, Grammatiken, Uebungsstoffe wie aus einem Gusse hergestellt würden.„Die deutschen, lateinischen, fran- zösischen(und englischen erlauben wir uns statt griechischen anzufügen) müssen nach denselben Prinzipien bearbeitet sein, soweit sie an einer und derselben Anstalt gebraucht. werden sollen. Gleiche termini technici sind zu verlangen, dieselbe Auffassung der Worte und Satzarten, dieselbe Auffassung endlich der etymologischen und besonders der syntak- tischen Erscheinungen“ ¹³). Wie oft kommt es vor, dass der Lehrer des Lateinischen oder Französischen auf das in den deutschen Stunden Besprochene und Erklärte gar keine Rücksicht nimmt und umgekehrt. Und doch sollte sich, da nicht der gesammte Sprach- unterricht in einer Hand vereinigt sein kann, der eine mit dem Pensum, dem Fortschreiten, der ganzen Methode des Andern stets vertraut machen. Hierzu sind Fachkonferenzen äusserst erspriesslich.
Nach diesem kurzen Hinweis auf die Wichtigkeit der Muttersprache für die Ueber⸗ mittelung und das Verständnis der grammatischen Erscheinungen der zu erlernenden Sprache, will ich versuchen auf die Behandlung der Formenlehre des Näheren, doch nicht ausführlich, einzugehen. Denn„fehlt eine feste, sichere Erkenntnis der Formenlehre, so schwebt der lateinische Unterricht aller folgenden Klassen in der Luft“ ¹⁴). An der Wandtafel wird das Paradigma mensa vor den Augen der Schüler gleichsam entstehen lassen und sofort der Unterschied von Stamm und Endung ¹⁵) gezeigt und dem Schüler zum klaren Bewusstsein gebracht. Ich erkläre hierbei den Terminus„Stamm“ als bild⸗ lichen Ausdruck, indem das Wort mit dem Baume verglichen werde, dessen Stamm das Linheitliche, Unveränderliche, dessen Aeste und Zweige aber, wie die Endungen eines Wortes, das Wechselnde, Veränderliche, bilden. Dem denkenden Schüler wird alsbald
¹²) Ueber den lateinischen Unterricht in Quarta, von O. Josupeit(Beilage zum Programm des Gymnasiums zu Insterburg, Ostern 1884). 3 ¹6) Ders. 8. I. 3.
14) Zietzmann, Bemerkungen zum lateinischen Unterricht namentlich in den unteren Classen, Pro- gramm der höheren Bürgerschule zu Segeberg, 1874, S. 1.
¹6) Klügel a. a. 0. S. 6:„Eins aber, was in der Grammatik sehr bescheiden erwähnt wird, das Vorhandensein der beiden Wortteile, Stamm und Endung, muss nachdrücklichst betont werden.“


