Betrachten wir uns den Sextanerkurs von Spiess etwas näher. Nachdem die erste, zweite und dritte regelmässige Declination absolviert ist, folgen in Capitel 9 die Substan- tiva, deren Genus von den Regeln abweicht. Also die erste Unregelmässigkeit, die sofort dem Sextaner geboten wird, nachdem er kaum zu declinieren begonnen. Untersuchen wir indess auch die regelmässigen Substantiva der 3. etwas genauer, so finden wir mitten unter diesen ganz ruhig die Parisyllaba und Imparisyllaba, deren Stamm auf zwei Con- sonanten ausgeht, mit ihrem unregelmässigen Genitiv auf ium, die Neutra auf e, al, ar mit ihren unregelmässigen Endungen, Abl. i, Plur. nom. ia, gen. ium, dazu die Adjectiva der 3. Declination. Ja, schon im ersten Kapitel musste der junge Lateiner gleich einen Vorgeschmack der vielen Unregelmässigkeiten der neuen Sprache, deren Thore ihm kaum erschlossen sind, empfinden, da den Wörtern dea und fllia ihr unregelmässiger Dativ und Ablativ deabus, filiabus in Klammer hinzugefügt ist. Bei der Comparation(Spiess 16. Kapitel), Vo es so nahe lag, auf das Regelmässige sich zu beschränken, folgt auf dem Fusse noch in demselben Kapitel die unregelmässige Comparation der Adjectiva auf er und ilis, sowie die ganz unregelmässigen bonus, malus, magnus, multus, parvus. In gleicher Weise ist. auch bei der Conjugation verfahren.
Den regelmässigen Verben der 1. Conjugation(13. Capitel) ist zum Schlusse do, sto, lavo(dieses überdies noch mit seinen 3 Supinformen lavatum, lautum, lotum) hinzu- gefügt. Unter den Verben der 2. Conjugation ist geradezu die Hälfte unregelmässig. Und nun, um das Maass voll zu machen, kaum nachdem der Sextaner die 4 Conjugationen endlich sicher und fest gelernt und vor Allem den Unterschied von Activ und Passiv klar erfasst hat— wer wüsste nicht, wie viel Schüler noch in Quinta, ja noch in Quarta über das deutsche„werden“ stolpern— folgen die Deponentien der 1., 2., 3. und 4. Con- jugation und drohen die mühsam gewonnene Unterscheidung der activen und passiven Bedeutung über den Haufen zu werfen. Mit Recht bemerkt daher Klügel):„Es hat mich, um es gleich von vornherein zu gestehen, überaus angenehm berührt, die Deponen- tien aus dem Sextakursus verschiedener Schulen entfernt gesehen zu haben. Es ist dies ein Punkt, der nicht ohne Bedeutung ist; naturgemäss fällt die Durchnahme dieser Verben an das Ende des letzten Vierteljahres; wenn man zwar zugeben muss, dass ihre Erler- nung dem Schüler besonders grosse Mühe nicht macht, so fällt es ihm schon schwieriger, eine Bedeutung zu behalten, die er bis jetzt nur anderen Formen beigelegt gefunden hat, die Hauptschwierigkeit aber für ihn besteht darin, diese Deponentialformen jetzt beim Lesen oder beim Uebersetzen zu verwerten. Da möchten denn doch nur einige Schüler im Stande sein, ohne sich zu verwirren, der passiven Formen mit activer Bedeutung rasch genug Meister zu werden. Während ein Extemporale, das nur aus Fragen, auch über die Deponentia bestand, mir ein recht erwünchtes Ergebnis lieferte, war Aasselbe bei einem Satz Exercitium, in dem die Deponentialformen angewandt waren, nicht der Fall. Es lässt sich nicht verkennen, dass durch den Gebrauch dieser Verben schon auf der Sextastufe für den Schüler die eben erst mühsam gewonnene Einsicht vom Passiv und dessen Bedeutung nicht geringe Einbusse leidet; kaum ist ihm auseinandergesetzt, dass
),„Der lateinische Unterricht in Sexta“, Programm des herzoglichen Gymnasiums zu Blankenburg, Ostern 1884, S. 3, 3


