Aufsatz 
Materialien für den lateinischen Unterricht
Entstehung
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reformieren und zwar die Vereinfachung des sprachlichen Unterrichts in der Beschränktng auf das Allernotwendigste zu finden. Ich kann das Geständniss nicht unterdrücken, dass je länger je mehr ich mir in dem zu bewültigenden Pensum eine Beschränkung auferlegte, und kann versichern, dass ich dabei gut gefahren bin. Hat der Schüler in Sexta die regelmässige Formenlehre und nur diese fest und sicher sich angeeignet, dann bieten ihm die Unregelmässigkeiten des Quintanercursus keine erheblichen Schwierigkeiten, zumal wenn auch hier alles Unwesentliche aufgegeben und eine Vereinfachung des Unterrichts- stoffes Platz gegriffen hat. Ich erinnere nur an die Genusregeln der 3. Declination. Mit Recht verlangt schon Rothfuchs 5):Die Uebungsbücher für Quinta und Sexta müssen sich des Ballastes derjenigen Wörter entledigen, welche für Genusregeln, defective und unregelmässige, oder gar griechische(in Quinta, wo noch kein Griechisch gelernt wird!) Casusformen berechnet sind. Es müssen demnach in den beiden untersten Klassen, wie es ja auch in den neueren Uebungsbüchern geschieht, nicht nur die vermis, torris, cucu- mis, postis, follis, mugilis und die cicer, piper, siser, tuber, zingiber, papaver, suber weg- pleiben, sondern auch und dies ist noch nicht der Fall alle Substantiva duf e, as and es nach der ersten Declination, die griechische auf os der zweiten, die Wörter mit dem Accu- sativ auf im nach der dritten, sowwie die griechischen mit dem Accusativ auf a. Man kann in der Rasur solcher Wörter kaum radical genug sein. Um übrigens nicht zu radical zu erscheinen, will ich von den 36 Masculinis nur zwanzig einem wohlverdienten Tode über- liefern und immerhin noch sechzehn am Leben lassen; ich schlage vor: Sechzehn Wörter merk auf is masculini generis panis, piscis, crinis, finis ignis, lapis, pulvis, cinis orbis, amnis, funis, ensis, sanguis, unguis, collis, mensis. 6)

wir die Art und Weise, wie auf der untersten Bildungsstufe das Lateinische gelehrt wurde und gelehrt wird, wieviel Verkehrtes und Hinderliches findet sich da, besonders in den dem Unterrichte zu Grunde liegenden Uebungsbüchern! Während man es vergass, dass der Schüler so rasch als möglich Herr werden müsse über ein, wenn auch eng begrenztes Gebiet des fremden Sprachschatzes, sind die Beispiele häufig entweder nur in der Absicht gewählt, dass jedes Wörtlein, das irgendwo unter den Ausnahmen bei einer Genusregel vorkommt, seine Stelle finde, oder so, dass man dem Knaben vorzugsweise Gegenstände aus der nahen und nicht nahen Sinnenwelt vorführte. So giebt es viele Bücher, deren Verfasser bei einer grenzenlosen Weit- läufigkeit und einem unsicheren Umhberirren auf dem weiten Felde der lateinischen Sprache es nicht scheuen, die Schüler mit Uebungen zu quälen, in denenschmackhafte Mohrrüben,gefleckte Giraffen,zottige Schäferhundev,Kohlenpfannen und Hunderte von Dingen der Art vorkommen. Soll denn der zehnjährige Knabe etwa die lateinischen Wörter calemopardalis maculata, canis pastoralis villosus etc. ete. seinem Ge- dächtnisse einprägen, oder ist es überhaupt rathsam und nothwendig, dass er einer Regel zu Gefallen ein etwa bei Plinius einmal vorkommendes Wörtlein behalte, und dass er von dieser wisse, dass es Singularis generis neutrius, siseres aber den Pluralis bilde? Fort mit diesem nutzlosen quälerischen Treiben! Der Schüler soll vertraut werden mit den Wörtern, die ihm bei der Lectüre der Klassiker unentbehrlich sind, und im Anfange nur mit denen, welche am Haufigsten vorkommen; er muss ferner vertraut werden mit den Formen. Dies sind die beiden Forderungen, die an den Unterricht auf der untersten Bildungsstufe zu stellen sind. *) Programm des Gymnasiums zu Marburg, Ostern 1875, S. 46.

¹) Nach dieser Fassung werden in Quinta die Masculina auf is gelernt. Man sieht, dass durch das

Streben nach Vereinfachung getrieben in beiden untersten Klassen, also auch in Quinta, sogar die Wörter

der 3. Declination mit dem Accus. auf im über Bord geworfen werden. 4 22