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Oktavius: Verzeih, Tiber! Dein plötzlich Ungestüm Riss wohl auch mich jenseits der Schranken hin, Und ich vergass, dass dieses heisse Blut Zur kühnen That, nicht nur zu kühnem Wort Den Enkel der Szipionen einstmals trieb. Ja, jener Tag, da vor dem Richterstuhl Der Jubelruf des Volkes dich umtoste, Als du den Richtern kühn ins Antlitz warfst, Dass Bürgerblut zu schonen grösser sei Als sinnlos zu verschwenden, Und dass ein grösser Heldentum es gebe, Als mit dem Schwerte nur so dreinzuschlagen, Ein Heldentum des Duldens— ja, verzeih, Der Tag, der machte dich zum Manne: Held von Numantia!
Tiberius:
Das ist es nicht:
Da that ich meine Pflicht als Bürger Roms Wie jeder Andre wohl an meiner Statt. —— s gibt Thaten, die vom Augenblick gepackt, Von der Begeisterung emporgetragen, Die launisch ihre Lieblinge sich wählt, Weit über wahres Mass empor dann wachsen. So war es da: allein der stillen Stunde, Wo, von der Menschen Auge unentdeckt, Im Ünnern eines unverdorb'nen Herzens Ein frommer Plan die zarten Keime treibt, Der denkt man nicht: So höre denn! In diesen Tagen war's— noch steht das Bild Mit seines hoffnungslosen Jammers Grösse Vor meinem Blick und bebt und ⁊ittert fort; lch komm' nicht los davon.— In diesen Tagen, Da ritt ich just nach meinem kleinen Gut. Ein Glutmeer zitterte die Eb'ne rings, Kein Haus, kein Baum, kein Strauch, nur eine Hütte. Und ich trat ein.— Der äussere Flur stand leer, Auf seinem armen Lager lang gestreckt, Die Wollendecke ganz mit Blut durchtränkt, Lag da ein Mann.— Um's bleiche Antlitz spielten voll die Locken, Den Dolch hielt seine Rechte fest gepresst, Und sie umklammernd lag ein junges Weib, Das sich an seinem Lager jammernd wand. lch trat hinzu. Sie hörte nicht. Sanft decke ich Mit seiner Decke nun des Toten Brust. Da schaut sie auf, schaut mich mit Staunen an. »Du liebst ihn? Sprich, was hat er denn gethan, Dass mir die Götter droben den genommen?
Sprich doch! Du bist ja gut!« Und ich fand Worte.
Und so allmählig löste sich ihr Schmerz
In Schluchzen auf und bitter Klagewort.
»Was that denn der Euch? Seht auf seiner Brust
Die Wunden alle, tief und kaum verharscht,
Die er im Kampf für Rom sich einst geholt.
Und als er heimkam, fand er Weib und Kind
Im Elend und von Haus und Hof vertrieben.
Die Not zwang ihm die Pflugschar in die Hand,
Auch das misslang. So ward mein freier Mann
Zuletzt ein Sklave. Alles trug er still
— Was trug er stille nicht für Weib und Kind!—
Da endlich, als ein roher Sklavenbüttel
Den Rücken schlug, den noch kein Feind geseh'n,
Da riss es. Er erschlug den Mann und floh.
Dann, eh' er seinen Henkern sich ergab,
Schlug er sich selbst— und er hat Recht gethan,
Nun nimmt er alles, alles mit sich fort.
Warum nicht mich auch, liebster Carrus, mich?
Vergassest mein doch nie, warum denn jetzt?«
— Und so erhob mit steigender Gewalt
Sich eine neue Flut sinnloser Klagen.
Das war der Tag, da fuhr es wie der Blitz
In meine Nacht, und vor mir gähnte grell
Der Abgrund, der uns harten Herzen droht.
— Oktavius, deine Hand, wir müssen Freunde sein.
Noch ist es Zeit, die grosse Schuld zu sühnen.
Doch, wenn gewarnt, ihr Hohn nur habt für hass,
Dann ist's zu spät.
Oktavius:
(RKeicht ihm die Hand.) Aus diesem innigen Druck
Spricht deines warmen Herzens voller Schlag.
Du edler Mann, wie meine Wahl auch falle:
— Noch seh' ich klar ja nicht in diesen Wirren—.
Wir müssen Freunde sein.
Hier meine and.
Tiberius(ihn stürmisch umarmend): Sieg, Sieg!
Roms guter Genius hat gesiegt. (Senatoren drängen an Oktavius heran.)
Ein Senator: Halt ein, Oktavius, bleib' den Freunden treu!
Ein Zweiter: Was mehr, Oktavius, bleib' dir selber treu!
Ein Dritter. Bedenk'’, auf diesem Würfel steht dein Glück.
Ein Vierter: Und Roms.— Verfluchter Taschenspielerstreich!—


