Aufsatz 
Sprachgeschichte in der höheren Mädchenschule
Entstehung
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Nordens zuſagt; es ſagt ihrem Geiſte zu wie Bier und Branntwein ihrem Gaumen. Für Menſchen von anderm Stamm iſt es unangenehm, ihnen ſchmeckt es hart und bitter. Liegt ferner nicht in der Thatſache, daß ein feineres Stilgefühl in gehobener Sprache Fremdwörter thun⸗ lichſt meidet, nicht ein Beweis, daß das Unbewußte im Sprachgefühl uns noch nicht geſchwunden iſt?

Mit der Verſchlechterung der Wörter hält nun die Veredlung freilich nicht gleichen Schritt. Daß auch hier nicht vor allem ſittliche, ſondern einfachere Gründe maß⸗ gebend waren, dafür ſei als Beiſpiel der Urſprung der Gruppe der Hofämter gewählt. Aus dem einfachen Seneſchall, dem Altknecht(senex) und Marſchall, dem Pferdeknecht,(die Mähre), haben ſich ſtolze Titel entwickelt. Und wie dieſe Ämter dem Fürſten zur Seite ſtehen, ſo auch die beiden Kammern, deren Einfluß ſich aus dem beſcheidenen Worte nicht erraten läßt. Obgleich nun für die Verſchlechterung und Veredlung der Wörter moraliſche Beweggründe nicht als die ausſchlaggebenden angenommen werden dürfen, ſteckt trotzdem in der Sprache ein gut Stück Gewiſſen und es iſt nützlich, auf dieſes Zeugniß unſerer Sprache zu achten.

Die Leidenſchaft beweiſt, daß Zorn ein Leiden, alſo eine Schwäche und kein Beweis ſittlicher Stärke iſt.

Dem Faulen droht die Gefahr der ſittlichen Fäulnis.

Der Zeitvertreib erinnert daran, daß die Zeit eigentlich zu etwas Beſſerem da iſt, als daß man ſie vertreibt.

Glaube und Liebe erinnern durch ihren Urſprung aus gemeinſamer Wurzel Dan⸗ daß das 13. Kapitel des erſten Korintherbriefs immer noch zu Recht beſteht und daß Glaube ohne Liebe tot iſt.

In dem Worte Erziehung aber ſteckt wie Kares richtig hervorhebt eine ganze Pädagogik in nucé. Man ſollerziehen, das heißt, aus dem Zögling herausentwickeln, nicht hineintrichtern: der wichtigſte Grundſatz der Methodik. Man ſoll er,ziehen, alſo nicht gewaltſam und ruckweiſe, ſondern ſtetig und conſequent vorgehen, ſo daß das Neue ſich unmerklich dem Alten anreiht: der wichtigſte Grundſatz der Didaktik. Man ſollerziehen und deshalb bei aller Liebe nicht vergeſſen, daß Ziehen und Zucht eines Namens ſind: ein wichtiger Grundſatz zum Kapitel der Regierung. Iſt es nicht ſinnig, wie dieſe aus dem Worte ohne Künſtelei hervor⸗ gehenden Begriffe ſich mit den Grundforderungen der Pädagogik decken?

Onomatopoeſie.

Die Sprache iſt nicht nur eine Schöpfung des menſchlichen Geiſtes, ſondern auch der Sinne. Zunächſt ermöglicht uns das Gehör, Tierlaute aufzufaſſen und die Stimme, ſie nach⸗ zuahmen. Daher ſtammen Wörter wie: miauen, girren, zwitſchern, quaken. Rein rezeptiv ver⸗ hält ſich zwar das Sprachgefühl auch in dieſem Falle nicht, da ihm die Wahl und Bezeichnung des charakteriſtiſchen Moments der Tierſtimmen vorbehalten iſt, woraus ſich denn auch die Ver⸗ ſchiedenheit in der Wiedergabe dieſer Laute in den verſchiedenen Sprachen erklärt. So erſcheinen obige Laute dem Franzoſen als: miauler, roucouler, gazouiller, coasser, dem Engländer als mew, coo, twitter croak. Welche Sprache kommt der Natur am nächſten? Das Engliſche