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„Doch iſt der Menſch gefallen, tief gefallen von ſeiner urſprünglichen Höhe! Zum Beweis dafür brauchen wir nur die Sprache zu nehmen. Wie Alles um ihn her trägt ſie den Stempel zugleich ſeiner Größe und ſeines Falles, ſeines Ruhmes und ſeiner Schande. Welch' dunkele Fäden muß er in das Gewebe ſeines Lebens hineingewoben haben, ehe wir die Fäden der Finſternis finden konnten, welche ſich durch das Gewebe ſeiner Sprache hinziehen.“ Die Sache ſcheint denn doch weniger tragiſch zu liegen. Die Entwertung der Wörter kommt wohl vor allem von deren Abnutzung her, welche wieder ihrerſeits auf eine häufige und in Folge deſſen gelegentlich wohl auch falſche Anwendung des Wortes zurückgeht.— Charakteriſtiſch iſt hierfür die folgende Gruppe von Wörtern, auch deshalb, weil ſie ſich im Deutſchen, Franzöſiſchen und Engliſchen in gleicher Weiſe entwickelt haben:
— einfältig= ohne Falſch(„Wenn dein Auge einfältig iſt, ſo wird dein ganzer Leib licht ſein“), jetzt thöricht.
— albern, noch althochdeutſch„ganz wahrhaftig“, bereits mittelhochdeutſch einfältig.
— bonhomme, nicht mehr ein guter, ſondern ein einfältiger Menſch.
— benet, nicht mehr benedictus, der Gebenedeite, ſondern der Einfaltspinſel.
— silly, nicht mehr saelic, der Selige, Geſegnete, ſondern ebenfalls der Einfaltspinſel.
So hat die Sprache das Wort vergeſſen:„Selig ſind, die geiſtlich arm ſind.“
— In vilain und courtois, eigentlich Bauer und Hofmann, dann niedrig denkend und„höf'lich, ſpiegelt ſich die einſtige überhebung des Ritterſtands dem gemeinen Volk gegen⸗ über wieder.
— paien von pagus, der Landbewohner, und da man auf dem Lande noch länger heidniſch blieb, der Heide; ebenſo heathen, der Heide, von„die Haide, das flache Land“
— im Gegenſatz zur Stadt.
— poison das Getränk wird zum Gift, wie Gabe ſelbſt, engliſch gift, zum totbringenden Gifte wird.
— tromper iſt triumphieren, freilich ein trauriger Triumph des Böſen.
Auch auf gewiſſen Endungen liegt ein Makel. So vergleiche man: kindlich und kindiſch, weiblich und weibiſch, herrlich und herriſch.
Ein ſchönes Zeichen dagegen dafür, daß das Volk noch immer ſeine eigene Sprache zu würdigen weiß, liegt in der unwillkürlichen Bevorzugung des deutſchen Wortes vor dem Fremd⸗ wort: Mut vor Courage, Gnade vor Pardon, Vergnügen vor Plaiſir, Dichter vor Poet, ſündigen vor peccieren, Vater vor Papa. Ja, gewiſſe deutſche Wörter entziehen ſich ſogar völlig der treffenden Überſetzung in die fremde Sprache, weil ſie ſo innig mit deutſcher Art verwachſen ſind, daß es unmöglich iſt, ſie von deutſchem Laut zu trennen; ſo die Wörter Heimweh, Gemüt, Sehnſucht, Innigkeit, Sinnigkeit. Und wir dürfen ſtolz auf dieſe Wörter ſein, ſtolzer als die Franzoſen auf ihre ebenſo unüberſetzbaren Wörter esprit, élégant, galant, coquet oder die Engländer auf spleen, comfort, fashionable, gentleman.
So ſagt Taine einmal, wo er von Carlyle ſpricht:„Eine derartige Stimmung erzeugt. „humor“, ein Wort, das man nicht ins Franzöſiſche überſetzen kann, weil die Franzoſen dieſen Begriff nicht kennen. Humor iſt eine Art von Talent, das den Deutſchen, den Männern des


